Vom kleinen Keim zur Gesundheitsmetropole

So tödlich die Cholera 1892 auch war: Sie half Hamburg auf dem Weg von der Handelsstadt zum gesundheitswirtschaftlichen Standort. Eine Zeitreise.
Zur Bekämpfung der Cholera-Epidemie 1892 richtete die Stadt unter anderem Wasserkochstationen wie hier in der Neustädter Straße ein.
E. Damm, SHMH/MHG
Zur Bekämpfung der Cholera-Epidemie 1892 richtete die Stadt unter anderem Wasserkochstationen wie hier in der Neustädter Straße ein.
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Von Jan Freitag, 2. April 2026 (HW 2/2026)

Was zu wahrer Größe führt, ist oft mikroskopisch klein. Dem Handelsplatz Hamburg etwa verhalf ein winziges Bakterium auf den Weg zur globalen Gesundheitsmetropole. „Vibrio cholerae“ verursachte 1892 die schwerste Epidemie seit Pestzeiten. Knapp 9000 Menschen fielen der Cholera zum Opfer. Es war ein menschliches Drama mit ökonomischer Folgewirkung.

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Die Rückseite des Verwaltungsgebäudes des Neuen Allgemeinen Krankenhauses Eppendorf um 1900

Denn durch die Abriegelung ganzer Viertel verlor die Hansestadt ihren guten Ruf als sicherer Welthafen. Jahrelang machte der internationale Schiffsverkehr große Bögen um die Stadt. Gesundheit, so zeigte sich, ist ein Wirtschaftsfaktor.

Mit Folgen für Produktivität und Arbeitskraft. Um beides zu erhalten, investierte der Senat also nicht nur ins Trink- und Abwassersystem, sondern auch in die medizinische Versorgung. Letztere galt bis dahin entweder als privates Privileg der Wohlhabenden oder als staatliches Almosen für Mittellose.

Vor Robert Kochs Entdeckung diverser Keime waren demnach auch Hamburgs Hospitäler Armenhäuser, in denen die Unterschicht eher verwahrt als behandelt wurde. Das änderte sich erst mit einer Revolution: 1889 eröffnete in Eppendorf das Neue Allgemeine Krankenhaus (NAK). Anders als im preußischen Altona wurden Hamburgs Kliniken zwar zuvor schon von Ärzten statt Offizieren geleitet. Doch dieses Haus betrat auch bauliches Neuland.

Verteilt auf 55 licht- und luftdurchflutete Pavillons, förderte das spätere UKE unter anderem die Verfeinerung der Fachbereiche. Pflege und Heilung fanden dort Tür an Tür mit Lehre und Forschung statt. Eine Innovation, die, abgesehen vom weißen „Eppendorfer Kittel“ als kochfestem Merkmal ärztlicher Kompetenz, eine Vielzahl pharmazeutischer, wissenschaftlicher, medizintechnischer und sogar arbeitsrechtlicher Errungenschaften begünstigte.

Meilensteine 1823: In St. Georg kombinieren Wundärzte medizinische Praxis und Forschung; 1871: Hamburgs Hospitäler werden von Ärzten statt Offizieren verwaltet; 1882: Das Patent für medizinische Pflaster von Paul C. Beiersdorf werden erteilt und das Unternehmen Beiersdorf gegründet; 1889: Gründung des späteren UKE; 1892: Cholera-Epidemie; 1895: Der Glasbläser C.H.F. Müller industrialisiert die Röntgenstrahlung; 1900: Gründung des späteren Bernhard-Nocht-Institutes für Tropenmedizin (BNITM); 1919: Heinrich Albers-Schönberg wird erster deutscher Radiologie-Professor; 1933: Die Arisierung von Forschung und Lehre stoppt Hamburgs medizinischen Aufstieg; 1961: Pipetten-Revolution als Grundstein des Erfolges der Eppendorf SE von 1945; 1979: Olympus kauft Winter & Ibe und macht Hamburg zum Endoskopie-Cluster; 2003: SARS-Entdeckung am BNITM; 2004: Gründung des Netzwerkes Life Science Nord

Kurze Zeit, nachdem Wilhelm Conrad Röntgen 1895 die gleichnamige Strahlung entdeckt hatte, schuf der Glasbläser Carl Heinrich Florenz Müller am NAK die Voraussetzung ihrer industriellen Nutzung. Parallel zur Gründung der ersten Radiologie zwei Jahre später, machte die C.H.F. Müller AG Hamburg zum Herz der Röntgen-Technologie – das noch heftiger zu schlagen begann, als Philips die Firma 1927 übernahm und in Gestalt der heutigen Philips Medical Systems zum internationalen Forschungscluster machte.

Gut zehn Jahre zuvor begründete die Entdeckung des Fleckfieber-Erregers auch Hamburgs Renommee als Hotspot der Infektiologie. Dass dort 88 Jahre später ein entscheidender Beitrag zur Identifizierung des SARS-Virus geleistet wurde, ist also kein Zufall, sondern Ergebnis struktureller Standortvorteile, die ebenfalls im Cholera-Ausbruch gründen.

Denn damals wurde Robert Kochs Hygiene-Gesandter Bernhard Nocht zum Hafenarzt ernannt. Sein Auftrag, die Ausbreitung seeseitig eingeschleppter Keime zu drosseln, mündete Ende 1900 in der Gründung des „Instituts für Schiffs- und Tropenkrankheiten“.

Es war das dritte Standbein der Gesundheitshauptstadt Deutschlands. Zehn Jahre vor dem Cholera-Schock hatte der Apotheker Paul C. Beiersdorf eine Firma gegründet, die Maßstäbe setzen sollte: Mit einer neuartigen Kombination aus Expertise und PR ebnete sein Nachfolger Oscar Troplowitz den Weg zum Konsumgüterkonzern, dessen Produkte von Nivea bis Hansaplast buchstäblich für sich selbst sprachen. Und nebenbei für Hamburg als Hotspot gesundheitsspezifischer Wirtschaftszweige, neudeutsch „Health Tech“.

Von Nationalsozialismus und Weltkrieg unterbrochen, ging deren Siegeszug nach 1945 weiter. Wie so oft im UKE-Umfeld, hat die Eppendorf SE seinerzeit wegweisendes Gerät vom Reizstromgenerator über die Kolbenhubpipette bis hin zur präzisen Analyseautomatik erfunden. Weil der Wandsbeker Endoskopie-Spezialist Winter & Ibe seit 1954 zu einem der Weltmarktführer minimalinvasiver Diagnostik wurde, ist die Stadt somit auch im labortechnischen Sektor führend – was die Übernahme von W & I durch Olympus 1979 sogar noch steigern konnte.

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BNITM
Weil der Platz im 14 Jahre zuvor gegründeten Bernard-Nocht-Institut für Tropenmedizin nicht mehr ausreichte, wurde der Architekt Fritz Schumacher mit diesem Neubau beauftragt, der 1914 eingeweiht wurde.

Die wichtige Dependance des japanischen Konzerns, dazu Krankenhausbetriebe wie Asklepios, Medizintechniker wie Weinmann, Pharmazweige wie AstraZeneca und natürlich Dutzende Start-ups wie das Telehealth-Portal TCC oder die radiologische Software-Schmiede FUSE-AI: Gemeinsam mit den Platzhirschen UKE und Beiersdorf tragen fast 200 000 Fachkräfte 14,5 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung zum lokalen Inlandsprodukt bei (laut WifOR-Studie aus dem Jahr 2023).

Gut zehn Prozent der städtischen Wirtschaftsleistung – das liegt auch am Cluster für Medizintechnik, Biotechnologie, Pharma und Digital Health, den Hamburg 2004 gemeinsam mit Schleswig-Holstein geschaffen hat. Rund 600 Unternehmen, Hochschulen und Forschungsinstitute sind aktuell bei Life Science Nord vernetzt.

Es ist ein weiteres Biotop im Ökosystem „kurzer Wege, vieler Talente, starker Infrastruktur und wirtschaftlicher Stärke“, das FUSE-AI-Geschäftsführer Matthias Steffen 15 Jahre später die Gründung vereinfachte.

Selbst in den USA, weiß der TCC-Gründer Christian Storm aus seiner langjährigen Arbeit an der Johns Hopkins Universität, ist die Stadt „als innovativer Health-Tech- und Life-Science-Standort bekannt“. Dazu wurde sie aus Sicht des Life-Science-Nord-Sprechers Jan Phillip Denkers „durch ein Zusammenspiel historischer Erfahrungen, der Hafen- und Handelslogik, akademischer Spezialisierung, unternehmerischer Innovation sowie gezielt betriebener Cluster- und Innovationspolitik im Bereich Life Sciences im neuen Jahrtausend“. All dies nahm 1892 seinen Anfang, als ein kleines Bakterium der Handelsstadt den Weg zur Gesundheitsmetropole ebnete.


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