1100 Jahre Berufserfahrung

Im Hamburger Verein WIRTSCHAFTS-SENIOREN-BERATEN e. V. vermitteln Führungskräfte im Ruhestand ihr Know-how an Unternehmen – vom Start-up bis zum Traditionsbetrieb.
Wirtschaftssenior Andreas Vagt (re.) berät Bracenet-Geschäftsführer Benjamin Wenke.

Von Birgit Reuther, 10. Juni 2022 (HW 3/2022)

Wirtschaftliches Know-how sollte im Ruhestand nicht brachliegen. Und auch das zwischenmenschliche Gespür, das sich im Geschäft über Jahrzehnte entwickelt hat, kann noch vielen anderen zugutekommen: Mit dieser Haltung engagieren sich seit 1983 ehemalige Führungskräfte, Fachleute und Unternehmer:innen aus Industrie, Handel und Dienstleistungsgewerbe im Hamburger Verein WIRTSCHAFTS-SENIOREN-BERATEN e. V.

Mich fasziniert die Bandbreite an Aktivitäten und die Energie, mit der Menschen ihr Geld verdienen.

Andreas Gooth

„Mich fasziniert die Bandbreite an Aktivitäten und die Energie, mit der Menschen ihr Geld verdienen“, sagt Andreas Gooth, ehemaliger Manager im Finanzbereich bei Shell. Als Vorstandsvorsitzender der Wirtschaftssenioren schätzt er den Austausch mit Gleichgesinnten im Verein. Vor allem aber liebt er die Herausforderungen, die jeder einzelne Beratungsfall mit sich bringt. Und diese decken eine breite Palette ab: von der Gründungshilfe bis zur Optimierung von Traditionsbetrieben, von freiberuflich Tätigen über kleine und mittlere Unternehmen bis hin zur gemeinnützigen Organisation. Rund 1100 Jahre Berufserfahrung versammeln die derzeit 30 Mitglieder insgesamt. „Es wäre doch sinnlos, dieses Wissen nicht für die nächste Generation zu nutzen“, erklärt Gooth.

Beratung zu Finanzen und Marketing

Mit den bisher mehr als 15 000 Beratungen, die die Wirtschaftssenioren seit ihrer Gründung 1983 durchgeführt haben, sind sie ein wichtiger Impulsgeber für das ökonomische Leben, für Wachstum und Innovation in der Hansestadt. Das zeigt zum Beispiel die Arbeit mit der Bracenet GmbH. Das sozial orientierte Start-up verkauft nachhaltige Produkte – gefertigt aus Fischernetzen, die zuvor im Meer trieben und dort dem Ökosystem schadeten.

Es ist schwierig, weibliche Führungskräfte für unsere Arbeit zu finden, da deren Anteil in unserer Generation leider geringer ist.

Helmut Burmeier

Seit drei Jahren lässt sich das Führungsduo Madeleine von Hohenthal und Benjamin Wenke von den Wirtschaftssenioren beraten. Andreas Vagt, lange als Geschäftsführer für ein Unternehmen innerhalb eines Großkonzerns tätig, steht Bracenet bei Finanzen und Marketing zur Seite. Ein zielorientiertes Miteinander, das jedoch weit mehr umfasst als das reine Zahlenwerk. „Bracenet und das Gründerpaar sind mir über die Zeit wirklich ans Herz gewachsen. Wir sind in regelmäßigem Kontakt, und es gibt kein Thema, das in unseren Gesprächen ausgeklammert wird“, so Vagt.

Gründer Benjamin Wenke ist froh, dass sein Vorhaben von einem „ruhigen und verlässlichen Sparringspartner“ begleitet wird. „Eine Konstante“ nennt er Vagt. Genau in dieser Mischung aus Anker und Motor sieht auch Helmut Burmeier, der Pressereferent des Vereins, den großen Nutzen der Wirtschaftssenioren. Der einstige Vertriebs- und Marketingleiter bei Sharp Electronics betont, wie wichtig eine vertrauensvolle Beratung auf Augenhöhe sei. Das heißt beispielsweise: Nicht einfach von oben herab verkünden, dass ein Konzept nicht trägt, sondern gemeinsam mit den Beteiligten ermitteln, was gut läuft und was nicht.

Hilfe Per Video

Die Pandemie hat auch die ehrenamtliche Arbeit der Hamburger Wirtschaftssenioren verändert. Die Beratungen und die zweiwöchentlichen Treffen des Vereins, bei denen neue Fälle besprochen und verteilt werden, finden meist virtuell statt.

Über eine kostenlose Kurzberatung per Video lässt sich das Angebot unverbindlich testen. Weitergehende Beratung erfolgt gegen eine geringe Aufwandsentschädigung.

Dabei gilt: Die Wirtschaftssenioren sehen sich nicht in Konkurrenz zu Coaches oder Steuerberatern. Bei rechtlichen Fragen, etwa wenn eine Insolvenz droht, vermitteln sie an juristische Experten weiter.

Seit mehr als zehn Jahren berät Burmeier bei den Wirtschaftssenioren und hat sich dabei in ganz unterschiedliche Geschäftsfelder vertieft – bis hin zur Astrologie: „Spaß- und Lernfaktor sind enorm.“ Dabei zeigt sich vor allem eins: Ohne faktengetriebene Arbeit mit einem Businessplan geht es nicht. „Eine Idee niederschreiben können die meisten. Aber wir müssen immer wieder deutlich machen: Die Zahlen aufzustellen, das geschieht nicht für die Bank oder die Arbeitsagentur, sondern ist Basis für das eigene Controlling. Die erfolgreichen Menschen lassen sich auf das Zahlenthema ein und können so Schieflagen vermeiden“, so Burmeier.

Das funktioniert auch langfristig: Die internationale Fachspedition HanseService GmbH beispielsweise nutzt das Angebot des Vereins bereits seit mehr als 25 Jahren. „Das ist einfach toll, was die Wirtschaftssenioren machen“, sagt Geschäftsführer Jörg Brinkmann. Anfangs ging es in der Beratung vorrangig um die IT, seit sieben Jahren steht nun die Neuausrichtung der Firma im Fokus. „Unterstützt durch unseren Berater, haben wir das Unternehmen erfolgreich von links auf rechts gedreht“, so Brinkmann.

Die Nachfolge regeln

Je nach wirtschaftlicher Lage wandelt sich der Beratungsbedarf, erzählt Gooth. Vor einigen Jahren hätten die Wirtschaftssenioren viele hoch ausgebildete Menschen um die 50 begleitet, die sich selbstständig machen wollten, etwa in Medizintechnik oder Ingenieurwesen. Momentan kämen viele mittelständische Unternehmen, die nach gut zwei Jahren Pandemie wieder durchstarten möchten. „Einen großen Aufschwung verzeichnen wir bei digitalen Geschäftsmodellen. Vom Keramikstudio bis zum Blumenladen: Sich online zu vermarkten, spielt seit Corona eine völlig neue Rolle.“

Unterstützt durch unseren Berater, haben wir das Unternehmen erfolgreich von links auf rechts gedreht.

Jörg Brinkmann

Gefragt ist neben dem reinen Fachwissen vor allem die Erfahrung der Wirtschaftssenioren. Etwa bei der Frage: Wie verhalte ich mich, wenn ich in ein kritisches Gespräch mit meinem Banker gehe? Es geht um Praxisnähe. Um Fingerspitzengefühl. Auch um Ruhe und Respekt. Qualitäten, die auch für ein zunehmend wichtiges Thema erforderlich sind: die Nachfolgeregelung.

„Viele verpassen die richtige Zeit, um loszulassen, obwohl dieser Übergang vier bis fünf Jahre dauern kann“, erläutert Burmeier. Und der Vereinsvorsitzende Gooth ergänzt: „Mehr als 70 Prozent der Übernahmen scheitern. Dieser Prozess erfordert viel Einfühlungsvermögen. Oft ist die inhaltliche Abwicklung gar nicht so schwierig. Es geht vielmehr um Kommunikation. Etwa darum, Spannung zwischen Vater und Sohn zu lösen. Da kommen wir als Vermittler ins Spiel.“

Eine Sache liegt dem Verein besonders am Herzen: „Es ist schwierig, weibliche Führungskräfte für unsere Arbeit zu finden, da deren Anteil in unserer Generation leider geringer ist“, sagt Burmeier. Mehr weibliche Vorbilder schaffen – ein weiteres gutes Ziel der Wirtschaftssenioren.

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