Erfolg mit GreenTech

München liegt weiter vorn, aber Hamburgs Gründerszene ist dynamisch und innovativ, erklärt der „Hamburg Startup Monitor 2026“. Mit Firmenbesuchen erkundete die Handelskammer Erfolgsfaktoren vor Ort.
Besuch beim Start-up Planeteers (v. li.): Co-Founder und Geschäftsführer Florian Birner, Andreas Kitzing (Impossible Founders), Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Dr. Malte Heyne, Leonard Keck (IFB), Dr. Matthias Kellermann (Science & MRV-Planeteers)
Kirsten Haarmann
Besuch beim Start-up Planeteers (v. li.): Co-Founder und Geschäftsführer Florian Birner, Andreas Kitzing (Impossible Founders), Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Dr. Malte Heyne, Leonard Keck (IFB), Dr. Matthias Kellermann (Science & MRV-Planeteers)
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Von Jan Freitag, 25. September 2026

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Kati Jurischka
MicroHarvest-Mitgründer und COO Jonathan Roberz (re.) begrüßte die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank und Dr. Malte Heyne.

Start-ups kann man normalerweise nicht in Gefäße füllen. Jenny Kersten versucht es – bildlich gesprochen – trotzdem. Und bleibt dabei hoffnungsfroh, wie immer eigentlich. „Für mich“, sagt die Referentin „Start-ups und Innovation“ bei der Handelskammer, „ist das Hamburger Start-up-Glas halbvoll.“ Für innovative Jungunternehmen sei die Stadt ein fruchtbares, vielfältiges, lebenswertes, gut vernetztes und gemeinschaftliches Biotop, vor allem in der Gründungsphase.

Die Zahlen geben ihr recht: So wurden allein im vergangenen Jahr 203 neue Start-ups in der Hansestadt gegründet, 26 Prozent mehr als 2024. Dieses stattliche Plus errechnete jedenfalls der „Hamburg Startup Monitor“, eine gemeinsame Studie der Handelskammer und des „Deutschen Startup-Verbandes“, dessen zweite Auflage die Handelskammer vor einigen Monaten vorstellte.  

Gleichzeitig ist der Abstand zum Start-up-Spitzenreiter München gewachsen – und auch bei der Finanzierung liegt Hamburg um einiges hinter anderen Städten zurück, so der „Hamburg Startup Monitor“. So sind in den vergangenen zehn Jahren zwar rund drei Milliarden Euro auswärtiges Startkapital Richtung Alster und Elbe geflossen.

Die Marktneulinge in Berlin haben aber gut das Zwölffache akquiriert – und die in der bayerischen Metropole München immerhin viermal so viel wie die Hamburger. Ist Norddeutschlands Start-up-Glas also doch eher halb leer? Mitnichten! Meint jedenfalls Jenny Kersten. Tatsächlich bietet das Hamburger Ökosystem Gründenden eine Reihe von Vorteilen.

Monitor Der „Hamburg Startup Monitor 2026“ stellt sechs zentrale Thesen zur Start-up-Szene der Hansestadt auf: • Hamburgs Ökosystem wächst wieder; • Der Rückstand zu München wird größer; • GreenTech liegt im Fokus; • Bei (großen) Investments muss Hamburg aufholen; • Internationalität kann USP werden; • Die Nachfrage nach Events ist hoch.

Ein starker Standort

Welche Standortfaktoren sind für erfolgreiche Start-ups in Hamburg wichtig? Und was muss sich ändern oder vorangetrieben werden? Das erkundete Dr. Malte Heyne im Sommer vor Ort. Um die Vernetzung mit der hiesigen Gründerszene voranzutreiben, besuchte der Hauptgeschäftsführer der Handelskammer eine Reihe markanter Start-ups.

Darunter auch Planeteers. Das 2022 gegründete geochemische Start-up in einer Garage in der Eimsbütteler Straße arbeitet seit 2022 erfolgreich daran, CO₂ aus der Atmosphäre im Meer zu versenken – und erhielt im Juni unter anderem einen Zuschlag für 2,5 Millionen Euro EU-Fördermittel. „Ein einzelnes Hamburger Start-up kann allein nicht das Klima retten“, erklärte Malte Heyne bei seinem Besuch Mitte August. „Was hier im Hinterhof passiert, hat aber enormes internationales Potenzial.“  

Mit 22 Prozent aller örtlichen Start-ups sei GreenTech Hamburgs Alleinstellungsmerkmal, lobt Co-Founder Florian Birner den Standort. Schließlich habe die Stadt  nicht nur „ein starkes unternehmerisches Umfeld, hohe Lebensqualität und internationale Netzwerke“.

From left to right, Dr. Anne Lamp, Pascal Volkmer (Projektingenieur), Katharina Fegebank, Prof. Dr. Michael Otto, Prof. Dr.-Ing. Andreas Timm-Giel.
Jonas Walter
Traceless-CEO Dr. Anne Lamp mit Projektentwickler Pascal Volkmer, Katharina Fegebank und Prof. Dr. Michael Otto (v. li.) bei der Eröffnung der neuen Produktionsanlage

Für das grüne Segment sei mindestens ebenso bedeutsam, dass Hamburg „über eine starke Industrie-, Energie- und Umweltwirtschaft verfügt“. Anders als im Digitalcluster Berlin erhalte sein Betrieb hier Zugang zu realen industriellen Anwendungen oder Infrastrukturen.

Diese Strukturen weiß man auch bei Malte Heynes zweiter Station zu schätzen: MicroHarvest. Vor fünf Jahren an der Technischen Universität Hamburg entstanden und später nach Bahrenfeld expandiert, will das Start-up mithilfe ressourcenschonender Proteine den Welthunger bekämpfen.

Und dafür biete Hamburg „beste Bedingungen“, sagt der Marken- und Wachstumsbeauftragte („Head of Brand and Growth“) Julian Schildknecht. Die Stadt sei zwar „leiser als Berlin oder München“, aber dank ihrer „Hafen- und Handels-DNA umsetzungsstark“. Besonders im Wachstumssegment Food und BioTech kreiere die Mischung aus „internationaler Offenheit, langfristigem Denken und verlässlichen Beziehungen“ ein wettbewerbsfähiges Experimentierfeld frischer Ideen.

Wichtig sind auch die enge Zusammenarbeit mit Universitäten und eine Infrastruktur, die Ausgründungen erleichtert. Diese liefert etwa die DeepTech-Initiative „Impossible Founders“, die an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft steht und ebenso einflussreiche wie finanzstarke Partner gefunden hat – von der Joachim Herz Stiftung bis zur Otto Group.

Zukunftsstiftung Um die Akquise von Wachstumskapital für Start-ups zu verbessern und insbesondere den Abstand zu Berlin und München zu verringern, soll verstärkt privates Kapital gehebelt werden. Laut Nicolas Muschhammer, Referent der Finanzwirtschaft bei der Handelskammer, eruiert die Kammer daher die Möglichkeit der Einrichtung einer Zukunftsstiftung. Bestandteil einer solchen Stiftung soll ein Fund-of-Funds-Modell sein, bei dem privatwirtschaftliche Akteure breit gestreut Kapital in Start-ups in der Skalierungsphase investieren.

Zu den erfolgreichen Universitätsausgründungen zählt zum Beispiel traceless materials. Das Start-up stellt eine neuartige Plastikalternative aus pflanzlichen Reststoffen der Agrarindustrie her, beschäftigt heute 110 Mitarbeitende und eröffnete im Mai eine weltweit einmalige Großproduktionsanlage in Hamburg-Neuland – mit Grußworten von Bundesumweltminister Carsten Schneider und der Zweiten Bürgermeisterin Katharina Fegebank.

Doch der Weg zum Erfolg ist nicht einfach. So erklärte traceless-Mitgründerin und CEO Dr. Anne Lamp bereits 2025, um „das volle Gründungspotenzial“ an Universitäten auszuschöpfen, sei eine Verbesserung der Rahmenbedingungen nötig: „Insbesondere der Zugang zu Labor- und Forschungsinfrastruktur sollte durch mehr Ressourcen, transparente Buchungstools für Laborflächen und Unterstützung bei der Kostenübernahme erleichtert werden.“

Planeteers-Mitgründer Birner wünscht sich seinerseits zum Beispiel „Genehmigungs- und Verwaltungsprozesse, die deutlich schneller und stärker auf die Anforderungen von Start-ups und innovativen Industrieunternehmen ausgerichtet werden“.

Und MicroHarvest-Markenbotschafter Julian Schildknecht bemängelt, dass es „zur Ausgründung von Start-ups mit physischer Innovation kaum Räumlichkeiten und Infrastruktur örtlicher Hochschulen“ gebe. Beide plädieren zudem für mehr öffentliche Mittel, politisches Engagement und Wachstumskapital.

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Ulrich Perrey
Jenny Kersten, Referentin „Start-ups und Innovation“ bei der Handelskammer

Unterstützung der Handelskammer

Das Stärken von Start-ups ist auch ein zentrales Anliegen der Handelskammer: „Wir bringen Forschung, universitäre Ausgründungen und etablierte Industrieunternehmen zusammen, um Lösungen wie diese aus dem GreenTech-Bereich in die Praxis zu bringen“, erklärte Malte Heyne anlässlich seines Besuches bei Planeteers. „Und wir machen der Politik deutlich, welche regulatorischen Bedingungen es braucht, um Innovation als Wachstumsfaktor für den Standort zu fördern.“

Planeteers-Mitgründer Florian Birner weiß das zu schätzen: Auf seinem Weg zur eigenen Firma habe die Kammer ihn „durch ihre Netzwerke und Veranstaltungen sehr unterstützt“.

Zudem lobt er die „Vermittlung relevanter Kontakte zu Unternehmen, Investoren, Institutionen“ sowie „Veranstaltungen, Pitches und Matchmaking-Formate“ – zum Beispiel auch den CMO-Summit, den der Marketing Club Hamburg im Juni in der Handelskammer durchführte. Julian Schildknecht von MicroHarvest hebt seinerseits positiv hervor, dass der „Schwerpunkt der Unterstützung auf Start-up-typischen Themen wie Innovation und Skalierung“ liege.

Und die Handelskammer will auf diesem Weg weitergehen. „Wir wollen Start-ups früher gezielt fördern und Gründer:innen als Mediatoren und Initiatoren dabei unterstützen, durchs Hamburger Ökosystem zu surfen“, betont Kersten.

Zahlen Nach 161 Neugründungen im Jahr 2024 hat Hamburg sein Allzeithoch aus der Pandemie (205) voriges Jahr mit 203 Neugründungen fast wieder erreicht. Bezogen auf die Bevölkerungszahl stehen die Hamburger 1540 Start-ups im Länderranking bundesweit nach Berlin an zweiter Stelle. Mit 1KOMMA5° hat allerdings nur eines der 34 deutschen Unicorns (mehr als eine Milliarde Euro wert) hier seinen Sitz. Dafür ist der Anteil ausländischer Gründenden mit 21 Prozent fast doppelt so hoch wie bundesweit.

Mit Angeboten wie Hamburg Next Level unterstützt die Kammer Start-ups bereits in unterschiedlichen Entwicklungsphasen und bietet ihnen passgenaue Informations-, Workshop- und Netzwerkformate.

Damit schafft sie das, was Kerstens Finanzkollege Nicolas Muschhammer „vitales Innovations- und Start-up-Ökosystem als maßgeblichen Faktor für die Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit“ nennt. Alles im Licht der Standortstrategie „Hamburg 2040“ und dem Fernziel, die Stadt klimaneutral zu machen.

Trotz aller Probleme und starker Konkurrenz sieht der „Hamburg Startup Monitor“ die Stadt auf gutem Weg. Hierfür spricht neben dem quantitativen auch das qualitative Wachstum. Mit 23 Prozent liegt Hamburgs weiblicher Anteil an der generell männerlastigen Gründungssphäre über dem Bundesschnitt. „Ein starkes Signal“, findet Joana Gil vom Harburger Zellstoffverwerter Lignopure, „aber kein Grund zum Ausruhen.“ Also heißt es Wachbleiben. Damit das halb volle Glas irgendwann ganz voll ist.


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