Vom Biertreber zur Food-Zutat

Um aus frischem Biertreber eine innovative Upcycling-Zutat für die Lebensmittelindustrie zu machen, gründeten Tim Gräsing, Marten Schmidt und Janosch Thomsen ihr Start-up ValueGrain. Mithilfe einer eigenen Technologie ermöglichen sie es, das Nebenprodukt, das beim Brauen von Bier entsteht, vor Ort zu einer ballaststoffreichen Zutat zu verarbeiten, die sie ebenfalls „ValueGrain“ genannt haben und die beispielsweise in Bäckereien als Mehl-Komplementär eingesetzt werden kann. Die Redaktion wählte das Unternehmen im März zum „HW-Start-up des Monats“.
Das ValueGrain-Team  in seinem Office am Gänsemarkt (v. li.): Heinrich Rieber (Inbetriebnahme & Development), Marten Schmidt (Co-Founder und CTO), Janosch Thomsen (Co-Founder und CCO), Dr. Dennis Wellmann (CFO) und Tim Gräsing (Co-Founder und CEO)
ValueGrain
Das ValueGrain-Team  in seinem Office am Gänsemarkt (v. li.): Heinrich Rieber (Inbetriebnahme & Development), Marten Schmidt (Co-Founder und CTO), Janosch Thomsen (Co-Founder und CCO), Dr. Dennis Wellmann (CFO) und Tim Gräsing (Co-Founder und CEO)
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Von Frank Schlatermund, 16. März 2026

Was genau ist ValueGrain? Auf welche Weise wird es gewonnen, was für eine Technologie steckt dahinter – und wofür wird es verwendet? Erklärt uns bitte, was hinter eurem Start-up steckt.

Bei uns dreht sich alles um Biertreber, einen Nebenstrom der Brauerei-Industrie, der weltweit in sehr großen Mengen anfällt und im industriellen Umfeld bislang über eine Zweitnutzung als Tierfuttermittel oder Biogas-Masse nicht hinauskommt. Im Massenmarkt-Kontext von hellen Lagerbieren handelt es sich meist um hochwertiges Gerstenmalz, das ein starkes Nährwertprofil mitbringt.

credits_Messe Berlin GmbH
Messe Berlin GmbH
Hauptgewinner der „Startup-Days“ auf der „Grünen Woche“ im vergangenen Jahr in Berlin war ValueGrain. Hier Janosch Thomsen (li.) und Tim Gräsing (re.) bei der Preisverleihung mit dem damaligen Bundesminister Cem Özdemir.

ValueGrain ist das Produkt, dass wir mittels eines technologischen Prozesses mit eigener Hardware aus dem Biertreber gewinnen und der Lebensmittelproduktion als Upcycling-Zutat zur Verfügung stellen.

Wichtig hierbei ist, dass wir einen dezentralen Ansatz im Sinne der Kreislaufwirtschaft verfolgen und theoretisch jede Brauerei als Produktionsstandort für unseren Rohstoff infrage kommt.

Lokale oder regionale Wertschöpfung ist somit gegeben, denn überall, wo es Brauereien gibt, lässt sich auch eine Bäckerei finden. Das Ganze funktioniert somit nicht nur in Deutschland, sondern auch global.

Wir verarbeiten den frischen, feuchten Rohstoff, sodass wir unser Produkt gern als „flüssiges Mehl“ bezeichnen, denn es enthält bis zu 80 Prozent Wasser. Bisherige Ansätze haben sich mit der Trocknung oder Aufschlüsselung der Komponenten beschäftigt, was aufgrund der Energiepreise und Komplexität der Anlagen einfach zu unwirtschaftlich ist und keine industrielle Skalierbarkeit ermöglicht.

Unser technologischer Ansatz setzt auf Low-Tech: solide Analgenkomponenten für ein sehr überschaubares Anfangsinvestment durch die Brauereien, wenig komplex und direkt integrierbar ins Tagesgeschäft. Was die Anwendung unserer Upcycling-Zutat betrifft, kann ValueGrain beispielsweise in Bäckereien als Mehl-Komplementär eingesetzt werden. Mit Ballaststoffwerten, die bis zu sechsmal höher sind als bei konventionellen Mehlen, erhalten Backwaren – allen voran natürlich Brote und Brötchen – einen regelrechten Fiber-Boost.

Wir sehen unseren global verfügbaren Rohstoff als Enabler für mannigfaltige Kategorien im Lebensmittelsegment.

 

Dies reiht sich perfekt in den derzeitigen Ernährungstrend für ballaststoffreiche Ernährung und die damit einhergehende Darmgesundheit ein. Auch in Sauerteigen kann ValueGrain eine perfekte Basis liefern, genauso wie als pflanzliche Quelle in Hybrid-Fleischprodukten oder Novelty Applikationen wie kakaofreie Schokolade.

Wir sind überzeugt davon, dass sich in Zukunft noch mehr Bereiche erschließen lassen, und sehen unseren global verfügbaren Rohstoff als Enabler für mannigfaltige Kategorien im Lebensmittelsegment, eventuell wird auch Non-Food irgendwann spannend beim Thema alternative Textilien oder Verpackungen.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, frischen Biertreber zu verarbeiten?

Das Gründerteam kommt zusammen auf knapp 45 Jahre Erfahrung in der Brauerei-Industrie. Während Tim und Janosch vor allem in den Bereichen Kommerzialisierung und Business Development im Einsatz waren und die Vermarktung des Rohstoffs verantworten, ist Marten als Brau-Ingenieur in etlichen Führungsrollen von mittelgroß bis Konzernbrauerei aktiv gewesen und der Kopf hinter der Technologie. Kennengelernt haben wir uns bei der Carlsberg Gruppe in Kopenhagen vor knapp zehn Jahren.

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ValueGrain
Zu sehen ist hier ein Brotteig mit ValueGrain-Anteil in einer Industriebäckerei.

Das war damals der Startschuss, uns eingehender mit den Nebenströmen zu beschäftigen und zu erkennen, dass die großen Brauereien sich dem Thema nicht selbst annehmen können, aber dennoch nach Lösungen suchen. Wir haben dann einige Jahre in die Marktrecherche investiert, um zu schauen, was es schon gibt und warum diese und jene Ansätze nicht funktionieren beziehungsweise die Hürde der industriellen Skalierung nicht überwunden wird.

Letztlich ist es dann im B2B-Umfeld die Frage nach der Wirtschaftlichkeit und der Verwendung. Ein neuer Rohstoff muss funktionieren, vor allem in Massenmarktprodukten und bestenfalls neben preislichen Vorteilen auch noch weitere in Funktionalität und Nachhaltigkeit mit sich bringen.

Die Technologie funktioniert, löst Probleme und schafft finanzielle Anreize.

 

Was sind in der nächsten Zeit eure größten Herausforderungen?

Unsere größte Herausforderung liegt in der Bekanntmachung des Rohstoffs, vor allem im Bäckerei-Umfeld. Bei Brauereien sind wir gern gesehene Gäste. Die Technologie funktioniert, löst Probleme und schafft finanzielle Anreize. Mittlerweile gibt es Anfragen aus der ganzen Welt, vor kurzem waren wir in Japan und haben dort mit Brauereien gesprochen. Als nächstes soll eine Anlage in der Dominikanischen Republik installiert werden.

Allerdings produzieren die Brauereien so viel Treber, dass die Nachfrage in der Lebensmittelproduktion nachziehen muss. Auch wenn Gerste ein bekanntes Getreide ist, so ist das flüssige Mehl per se erst einmal etwas Neues, das entsprechend längere Testzyklen durchläuft.

Das vergangene Jahr stand genau unter diesem Stern, sodass wir nun aber bereit sind, die nächsten Schritte in der Kommerzialisierung zu gehen. Hierbei setzen wir auch auf den Dominoeffekt, denn wenn bekannte Produzenten und Brands auf ValueGrain setzen, wird die Aufmerksamkeit und Akzeptanz für den Rohstoff unseren Vertrieb befeuern.


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