Wer auf das Grand Elysée Hamburg im Herzen der Hansestadt steigt, könnte kurz stutzen, was am Rundblick gerade spektakulärer ist: die Silhouette mit unverbauter Sicht auf Fernsehturm, Michel, Elbphilharmonie? Oder der Ort, von dem aus sich Hamburgs Schönheit bewundern lässt? Auf dem windigen Dach des Luxushotels sind nämlich nicht nur die üblichen Abzüge oder Antennen befestigt. Hinzu kommen noch 176 Elemente einer ebenso extravaganten wie naheliegenden Idee.
Unter dem Projekttitel „Strahlende Aussichten – Solarenergie für unser Hotel“ erzeugt das Hotel der Block Gruppe auf 352 Quadratmetern Dachfläche bis zu 78 000 Kilowattstunden Strom aus Sonnenlicht und füttert damit seine 15 Ladesäulen für Elektroautos. Das allein wäre allerdings keiner Nachricht wert, käme die Idee nicht von zwei Auszubildenden: Marlene Wiener und David Heinen. Beide Anfang 20, beide Nachhaltigkeits-Fans, beide seit dem vergangenen Jahr zertifizierte Energie-Scouts.
Das Projekt der Energie-Scouts entstand bei der ebm‑papst Mulfingen GmbH & Co. KGaA & Co. KG, die bereits seit 2010 Auszubildende im Bereich der Energieeffizienz qualifiziert. Vier Jahre später dann begannen die Industrie- und Handelskammern Azubis offiziell als Energie-Scouts zu zertifizieren. 2016 kam Hamburg hinzu und belegte mit dem Leckagen-Projekt zweier Azubis der Worlée-Chemie GmbH sofort den dritten Platz bei der Bundesbestenehrung „Energie-Scouts des Jahres 2017“ in Berlin. Schon damals reichte die Projektauswahl von Elektromobilität über Temperatursensorik bis hin zu Mitarbeitermotivation. Seither hat sich die Bandbreite permanent vergrößert. 2025 etwa wurden Azubis des tesa Werkes in Hamburg für die Reduktion von Druckluftverlusten hinter dem Solardach des Grand Elysée Hamburg Zweite vor einer Groß-Wärmepumpe der Hamburg Messe und Congress GmbH. Bislang hat die Handelskammer 274 der bundesweit 14 000 Energie-Scouts aus mehr als 1000 Unternehmen qualifiziert. Mehr Informationen hier.
So nennen sich die Absolventinnen und Absolventen eines zukunftsweisenden Programms der „Mittelstandsinitiative Energiewende und Klimaschutz“. In drei ganztägigen Workshops befähigt die Handelskammer Azubis aus Hamburger Betrieben, Nachhaltigkeitspotenziale richtig zu erkennen und diese anschließend mithilfe eigenständig entwickelter Projekte zu heben.
„Auf dem Weg zur Klimaneutralität erlangen sie – unabhängig von Beruf oder Branche – ein Grundverständnis für Zusammenhänge und schärfen so den Blick auf das eigene Unternehmen und das eigene Gewerbe“, erklärt Ingo Lumbeck den Nutzen der Zusatzqualifikation. Damit beschreibt der Mitarbeiter des Handelskammer-Teams „Industrie, Energie und Umwelt“ ein Konzept, das dieser Tage einen runden Geburtstag feiert, zumindest hier in der Hansestadt.
Vor zehn Jahren nämlich übernahm die Handelskammer eine Fortbildungsmaßnahme der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), der Dachorganisation aller insgesamt 79 deutschen Industrie- und Handelskammern, „die wir uns erst einmal zwei Jahre lang in aller Ruhe aus der Ferne angeschaut“ haben, so Lumbeck. Dann aber stand fest: Auch am Adolphsplatz sollen gut 20 Auszubildende pro Durchgang dazu befähigt werden, aktiv und autonom an der gesamtgesellschaftlichen Mammutaufgabe „Nachhaltigkeit“ teilzunehmen. Im Grand Elysée Hamburg etwa dank einer Solaranlage.
Doch der Reihe nach. Als Vanessa Schliewe, die damalige Ausbildungsleiterin des Hotels, sie auf die Energie-Scouts gestoßen hatte, waren Marlene Wiener und David Heinen sofort Feuer und Flamme. Im Laufe der drei jeweils achtstündigen Workshops konkretisierte sich das Projekt „Strahlende Aussichten – Solarenergie für unser Hotel“ bereits in den Köpfen der beiden Azubis.
Zur Dachreife allerdings kam es erst in den Wochen danach in Absprache mit Thomas Westphal, dem Technischen Leiter des Grand Elysée Hamburg, der die beiden Azubis betreute. „Wir haben etwa 60 bis 80 Stunden daran gearbeitet“, erinnert sich die gebürtige Bonnerin Marlene Wiener, die im Ausland aufgewachsen ist und sich derzeit in der Prüfungsphase befindet. Damals fielen viele Extraschichten nach Feierabend oder im Homeoffice an.
Diese Energieleistung wurde belohnt, und mit der Hilfe technischer Gewerke nahm das Vorhaben zügig Gestalt an. Seither spart das bundesweit größte privatgeführte Fünfsternehotel bis zu 33 Tonnen CO2 jährlich. Das sei zwar „nur ein kleiner Teil des Gesamtverbrauchs“, räumt der aus dem Rheinland stammende David Heinen ein, der vor seiner Ausbildung im Grand Elysée Hamburg bereits eine Lehre zum Feinwerkmechaniker gemacht hat und entsprechende Berufserfahrung mitbringt. „Aber die Reise geht ja für uns alle in Richtung Nachhaltigkeit.“ Und da sei jeder noch so geringe Beitrag bedeutsam.
Einzeln betrachtet mögen die bundesweit rund 14 000 Energie-Scouts seit 2014 daher bloß Tropfen auf den heißen Stein der Energiewende gießen. Zusammen aber leisten auch die bislang 274 Hamburger Azubis aus insgesamt 136 Unternehmen messbare Beiträge für das gemeinsame Ziel: Klimaneutralität bis 2040.
Jan Eschke kennt sie alle. Nahezu ein Drittel seiner 66 Lebensjahre ist der Diplom-Physiker verantwortlich im Energie- und Klimaschutzmanagement tätig. Seit 2016 betreut er zudem die Hamburger Energie-Scouts. Und ist „jedes Mal begeistert, wie engagiert und informiert die Auszubildenden größtenteils sind“.
Das ist mitunter auch dringend nötig. „Wenn Azubis Nachhaltigkeitsmängel sehen und lösen wollen“, sagt Eschke augenzwinkernd, „fühlen sich alte Hasen manchmal auf den Schlips getreten.“ Dabei funktioniere betrieblicher Klimaschutz nur mit „einer entsprechenden Firmenphilosophie und motiviertem Führungspersonal“. Zwei Nachhaltigkeitsfaktoren, die hanseatische Unternehmen zum Glück längst mehrheitlich mitbringen.
HOCHTIEF zum Beispiel. Ein Baukonzern, beteuert dessen Auszubildender Tjorven Koll, „der großen Wert auf Nachhaltigkeit legt“. Kolls Teilnahme am Energie-Scouts-Projekt sowie die Teilnahme von zwei weiteren angehenden Industriekaufleuten von HOCHTIEF war daher ein logischer Schritt für alle. Als dem Trio umweltbewusster Azubis beim zweiten Workshop die zündende Projektidee kam, gab es folgerichtig „jede Unterstützung, genügend Arbeitszeit und ein Budget“. Alles, um etwas wirklich Innovatives zu realisieren: „GreenRoof Solutions“, ein mobiles Modul zur Bepflanzung firmeneigener Baucontainer.
Wobei 15 Quadratmeter Grünfläche zunächst einmal kleinteilig klingen (Stichwort: heißer Stein). Doch der bewegliche Rahmen, erklärt Fabian Steger, „fördert die Biodiversität, dient dem Mikroklima, passt auf jeden Container, verbessert die Dämmung, spart so Energie und CO2, rechnet sich langfristig auch betriebswirtschaftlich“. Und dann, fügt Tjorven Kolls Azubi-Kollege auf einer grauen Baustelle unweit der Alster noch hinzu „sieht es auch noch gut aus“.
Neun von zehn Projektideen, sagt Workshop-Leiter Jan Eschke, würden sich schließlich weiterhin mit Energieeffizienz befassen. Die Vielfalt nehme wie der Anteil kaufmännischer Ausbildungsberufe zu. Gleiches gelte für den Anteil von Frauen, was ihn auch als Dozent sehr freue.
Was gleichfalls wächst, ist die Professionalität der Pitches. Wenn heutige Azubis ihr Projekt in der Handelskammer präsentieren, merke man vielen die Erfahrung mit Social Media an. Marlene Wiener etwa vergleicht ihr Projekt und dessen Präsentation mit einem Pitch wie beim TV-Format „Höhle der Löwen“.
Auch dort würden die Grand-Elysée-Azubis wahrscheinlich bestehen. Ende Juni jedenfalls nehmen sie als beste Hamburger Energie-Scouts aus dem vergangenen Jahr an der Bundesbestenehrung der DIHK in Berlin teil. Dabei gehe es der Handelskammer gar nicht „um höher, schneller und weiter“ einzelner Projekte, wie Aus- und Weiterbildungsexperte Armin Grams betont, Leiter des Geschäftsbereiches „Fachkräfte und Lebenslanges Lernen“. Wichtiger seien Mitarbeitermotivation und Einbindung im Dienst von Effizienz und Nachhaltigkeit – und damit am Ende auch Umsatz, Konkurrenzfähigkeit oder halt die Versorgung von 15 Grand-Elysée-Ladesäulen mit Strom vom Hoteldach.
