Fitnesskur für Betriebe

Auch kleine Firmen müssen für Arbeitsschutz sorgen. Aber wie erfüllt man die gesetzlichen Pflichten – und stärkt die Gesundheit der Mitarbeitenden? Hilfe bieten Dienstleister und Beratungsstellen.
Für Hamburger Unternehmen gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, sich zur Umsetzung gesundheitsgerechter Bedingungen im Betrieb beraten zu lassen. Vor allem KMU wissen oft nicht, dass sie im Arbeitsschutz konkrete Pflichten haben.
PAG/Nina Höffken
Für Hamburger Unternehmen gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, sich zur Umsetzung gesundheitsgerechter Bedingungen im Betrieb beraten zu lassen. Vor allem KMU wissen oft nicht, dass sie im Arbeitsschutz konkrete Pflichten haben.
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Von Kerstin Kloss, 2. April 2026 (HW 2/2026)

„Viele kleinere Unternehmen wissen gar nicht, dass sie im Arbeitsschutz sehr konkrete Pflichten haben“, sagt Heike Klamroth von der Ministerialabteilung für Arbeitsschutz in Hamburg. Schon ab einer sozialversicherungspflichtig beschäftigten Person muss jede Firma die Risiken am Arbeitsplatz ermitteln, beurteilen und Schutzmaßnahmen umsetzen.

Gemeinsam für Gesundheit Wie wichtig Prävention ist, hat auch die Politik erkannt. Für Präventionsmaßnahmen können Betriebe pro Jahr und Beschäftigtem bis zu 600 Euro steuerfrei aufwenden. Auf Grundlage des bundesweiten Präventionsgesetzes von 2015 hat Hamburg 2016 zudem eine Landesrahmenvereinbarung (LRV) zur Gesundheitsförderung mit den Sozialversicherungen geschlossen (pdf). Einbezogen ist unter anderem die ArbeitsschutzPartnerschaft, die seit 2005 Gesundheit und Sicherheit in Betrieben fördert – etwa mit dem Arbeitsschutzhandbuch. Bei der Prävention und der Umsetzung der LRV werden die Krankenkassen seit 2024 vom GKV-Bündnis für Gesundheit unterstützt.

Diese Gefährdungsbeurteilung schreibt Paragraf 5 des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG) vor. Bei mangelhafter Dokumentation können Bußgelder bis zu 5000 Euro anfallen, bei Verstößen gegen den Arbeitsschutz bis zu 30 000 Euro.

Gemeinsam mit der Wirtschaftsbehörde fördert das Amt für Arbeitsschutz die Anlaufstelle PAG Perspektive Arbeit & Gesundheit. Dort können sich Unternehmen kostenlos zur Umsetzung gesundheitsgerechter Bedingungen im Betrieb beraten lassen.

Immer wieder hält die PAG auch Vorträge in der Handelskammer, die Prävention als zentrale Aufgabe sieht: Es gilt, „langfristig ein Gesundheitssystem zu schaffen, in dem mehr Geld für die Gesunderhaltung als für die Behandlung von Krankheiten ausgegeben werden kann“, betont die Kammer in ihrem Positionspapier „Gesundheitsstandort Hamburg 2040“ (pdf).

Ein Schwerpunkt der PAG-Beratung liegt auf der gesetzlich vorgeschriebenen Beurteilung der Gefährdung durch psychische Belastungen, die sich auch auf die körperliche Gesundheit auswirken. In der Praxis hat es sich laut Geschäftsführer Michael Gümbel bewährt, dafür eine Person zu benennen und zu schulen – und zusätzlich die Führungskräfte einzubinden. „Es kann auch sehr hilfreich sein, externe Unterstützung hinzuzuziehen, um den Prozess zu begleiten, Befragungen und Workshops durchzuführen“, sagt er.

BGM-Expertise einholen

Gesundheitsschutz zählt zur Fürsorgepflicht des Arbeitgebers. Ein gezieltes betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) trägt wesentlich dazu bei, verringert Ausfallzeiten und erhöht häufig die Produktivität. Auf BGM spezialisiert ist etwa die Motio GmbH Hamburg. „Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) haben häufig kein betriebliches Gesundheitsmanagement, sondern nur Einzelmaßnahmen“, beobachtet Geschäftsführer Frank Fiedler – vom Azubi-Programm über Gesundheitstage bis zum Workshop zur Stressbewältigung.

Frank Fiedler_c_Motio GmbH Hamburg
Motio GmbH Hamburg
Frank Fiedler, Geschäftsführer der Motio GmbH Hamburg

Anders als eine solche punktuelle betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) ist BGM ein klar strukturiertes Projekt, das nachhaltig aufgesetzt werden sollte – „mit Steuerkreis, definierten Zielen, festem Zeit- und Budgetrahmen sowie Kennzahlen, um die Wirkung zu messen“, erklärt Fiedler. Je nach Betriebsgröße sollte der Steuerkreis die Unternehmensleitung und Personalabteilung, den Betriebsrat, die Arbeitsmedizin und -sicherheit, den Datenschutz und Gleichstellungsbeauftragte berücksichtigen.

Unterstützung bietet auch die BGF-Koordinierungsstelle der gesetzlichen Krankenkassen. Als Ansprechpartner der Hamburger Filiale erläutert Michael Henningsen: „Wir wollen das Einfallstor für Unternehmen sein, um sich mit dem Thema Gesundheit zu beschäftigen.“ Für eine kostenlose Orientierungsberatung können Firmen per Online-Fragebogen angeben, welche Themen sie behandeln möchten: Arbeitsorganisation, Bewegung, gesunde Ernährung, Stress, Strukturthemen oder Suchtprobleme.

Vor allem KMU benötigen Hennigsen zufolge Orientierung beim Thema Gesundheit, um so auch attraktiver auf dem Arbeitsmarkt zu werden – vom IT-Unternehmen, dessen Software-Entwickelnde den ganzen Tag vor dem Rechner sitzen, bis zum Pfandhaus mit gewaltbereiter Kundschaft. „Bei IT-Mitarbeitenden geht es darum, eine bewegte Arbeitsunterbrechung mit Übungen einzubauen“, sagt Henningsen, „vielleicht gemeinsam mit Kollegen im Nachbarbüro oder über digitale Anwendungen im Homeoffice.“

Das Pfandhaus wiederum hat sich mit Unterstützung der BGF-Koordinierungsstelle intensiv mit dem Thema Gewalt auseinandergesetzt und danach mit den Mitarbeitenden ein Deeskalationstraining absolviert. „Wir wollen das Thema voranbringen und arbeiten deshalb auch mit der Handelskammer zusammen“, sagt er.

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PAG/Nina Höffken
Michael Gümbel, Geschäftsführer PAG Perspektive Arbeit & Gesundheit

Unterstützung durch die Kammer

Beim Aufbau eines BGM unterstützt die Handelskammer Mitgliedsunternehmen etwa durch Veranstaltungen, Checklisten und Broschüren über Angebote zur Bewegungsförderung oder psychische Belastungen bei der Arbeit. Außerdem bildet die HKBiS, der Bildungs-Service der Kammer, BGM-Manager für ganzheitliches und nachhaltiges Gesundheitsmanagement im Betrieb aus.

„Man lernt, wie ein BGM-Projekt funktioniert, welche Strukturen wichtig sind und welche Hindernisse es gibt“, sagt Motio-Experte Fiedler, der die sechstägigen Zertifikatslehrgänge leitet. Als mögliche Hindernisse der BGM-Implementierung sieht er, dass die Geschäftsleitung nicht hinter dem Projekt steht, das Budget knapp ist oder interne Organisationsverantwortliche zu wenig Zeit bekommen. Für wesentlich hält er, zuerst die Situation im Unternehmen genau zu analysieren, dann Gesundheitsleitlinien aufzubauen und gezielt Maßnahmen abzuleiten.

Die Kammer ist auch Gründungsmitglied der ArbeitsschutzPartnerschaft Hamburg. Dort engagiert sie sich gemeinsam mit der Handwerkskammer, der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, dem Amt für Arbeitsschutz und weiteren Akteuren bei Aufklärungskampagnen, Projekten und Veranstaltungen. Geschäftsstellenleiterin Heike Klamroth verweist zudem auf das Arbeitsschutzhandbuch: „Damit können sich Betriebe, die bei dem Thema ganz am Anfang stehen, einen Überblick verschaffen.“

Gewalt im Betrieb Wie können Unternehmen auf Gewalt reagieren, die durch interne Konflikte oder Übergriffe von externen Personen entsteht? Zu diesem Thema findet am 5. November 2026 eine Veranstaltung der ArbeitsschutzPartnerschaft Hamburg in der Handelskammer statt, unterstützt von der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA). Das Event richtet sich an betriebliche Leitungspersonen und Fachpublikum. Neben Vorträgen gibt es die Möglichkeit, mit Preisträgerteams des Hamburger Gesundheitspreises sowie Fachkräften aus Unternehmen ins Gespräch zu kommen. Infos erhalten Sie bei Petra Versemann von der Handelskammer.


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