Verborgene Potenziale aktivieren

Programme wie die Einstiegsqualifizierung und das Feststellungsverfahren sichern Fachkräfte, die erst auf den zweiten Blick ihre Stärken offenbaren.
Jan Matthiesen (re.), Inhaber des Restaurants „Hansekai“, zusammen mit Koch-Azubi Leon Scheller bei einer Besprechung.
Ulrich Perrey
Jan Matthiesen (re.), Inhaber des Restaurants „Hansekai“, zusammen mit Koch-Azubi Leon Scheller bei einer Besprechung.
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Von Birgit Reuther, 10. Februar 2026 (HW 1/2026)

Nicht alle bringen beste Voraussetzungen mit, um erfolgreich ins Berufsleben zu starten oder sich neu in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Manche haben schlechte Noten oder Brüche im Lebenslauf, andere besitzen zwar Praxiserfahrungen, aber keine offiziellen Abschlüsse. Doch viele dieser Menschen bieten ein enormes verborgenes Potenzial.

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Klaus Mansutti ist Leiter der Handelskammer-Abteilung „Ausbildung und Prüfungsorganisation“.

Um es zu aktivieren, führt die Handelskammer eine Reihe von Programmen durch. Zum Beispiel die Einstiegsqualifizierung, kurz EQ – ein Angebot der Bundesagentur für Arbeit, das im Aufgabenfeld der Kammern liegt.

„Einem jungen Talent eine Chance zu geben, das auf dem Papier erst einmal kein Top-Kandidat zu sein scheint, schafft eine unglaubliche Loyalität“, sagt Fin Mohaupt, Teamleiter „Schule und Wirtschaft“ bei der Handelskammer. „Wer einen Menschen in der direkten Interaktion kennenlernt, erfährt, woher dessen Probleme kommen und welche Fähigkeiten in ihm stecken.“

Für den Verein „Ausbildungsförderung der Hamburger Wirtschaft“ berät Mohaupt mit seinem Team Menschen unter 25 Jahren, die noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Denn eine Einstiegsqualifizierung kommt primär für diese Altersgruppe infrage. Dazu zählen auch Jugendliche mit Behinderung und potenzielle Azubis mit Migrationsgeschichte, die eine Sprachförderung benötigen.

„Das bezahlte Langzeitpraktikum von vier bis zwölf Monaten eignet sich sehr gut dazu, einen Beruf und Betrieb überhaupt erst einmal kennenzulernen“, erklärt Mohaupt. „Es geht darum, sich zu beweisen, erste Erfolgserlebnisse zu feiern und wertgeschätzt zu werden.“ Wenn die Zusammenarbeit passt, geht die EQ in eine Ausbildung über, wobei bereits absolvierte Zeit angerechnet werden kann. Die Firmen erhalten zudem Zuschüsse zur Vergütung sowie Pauschalen für die Sozialversicherungsbeiträge.

„Die Erfolgsquote liegt weit über 70 Prozent. Wir freuen uns immer über neue Mitgliedsfirmen, die mitmachen“, so Mohaupt. In Einzelhandel und Gastronomie greife das Programm bereits gut, in Branchen wie der IT sei es ausbaufähig. 6800 EQ-Verträge wurden in Hamburg zwischen 2005 und 2025 abgeschlossen, fast 200 freie Plätze gab es allein im vergangenen Jahr.

Vom Praktikum zum Profi-Koch Eine Hamburger Firma, die sehr gute Erfahrungen mit der EQ gemacht hat, ist das Restaurant und Event-Unternehmen „Hansekai“ in Wilhelmsburg. „Ich finde, das ist ein guter Schritt, um eine Art Ausbildung vor der Ausbildung zu machen. Zum Beispiel für Menschen, die eigentlich noch zu jung für das Berufsleben sind“, erklärt Geschäftsführer Jan Matthiesen. „Eine Ausbildung ist etwas sehr Verbindliches. Bei der EQ können beide Seiten in Ruhe entscheiden, ob sie diesen Weg zwei bis drei Jahre gemeinsam gehen möchten.“ Dem Gastronom gefällt besonders gut, dass die EQ ein etabliertes System ist. „Ein Langzeitpraktikum ist oft schwierig zu realisieren, allein wegen der Versicherung.“

Begleitung Azubi Companion unterstützt Ausbildungsbetriebe und Azubis mit individuellen Vertrauenspersonen, die während der Lehrzeit motivieren, vermitteln und Hilfe bieten – vom Onboarding über die Klausurvorbereitung und das Schreiben des Berichtsheftes bis hin zum Konfliktmanagement.

Leon Scheller, der gerade seine Ausbildung als Koch beendet, ist über die EQ zu „Hansekai“ gekommen. „Ich konnte mich nicht mehr so gut auf die Schule konzentrieren und wollte daher lieber eine Ausbildung anfangen“, erzählt der 20-Jährige, der bei „Hansekai“ übernommen wird. „Ich konnte die Abläufe in der Küche und die Karte in Ruhe kennenlernen. Das war ein großer Vorteil.“ Für Matthiesen ein Paradebeispiel, wie es laufen kann. Wichtig sei, ehrlich und offen miteinander zu sprechen – und auch zu kommunizieren, wenn es nicht passt.

Praxiswissen zertifizieren Großes Potenzial bieten auch Menschen ohne anerkannten Berufsabschluss, aber mit Praxiserfahrung. In einem „Feststellungsverfahren“ können Selbstständige und Quereinsteigende, Arbeitslose und -suchende oder Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte ab 25 Jahren ihre Qualifikationen anerkennen lassen. Diese Aufgabe ist seit dem 1. Januar 2025 der Handelskammer zugewiesen. Die Teilnehmenden erhalten ein Zeugnis oder einen Bescheid, dass ihre Kompetenzen mit einem Ausbildungsabschluss vollständig oder überwiegend vergleichbar sind.

Baharak Clausen
Hasti
Über das Feststellungsverfahren erreichte die studierte Grafikdesignerin Hasti Baharak Clausen eine Validierung als Kauffrau für Büromanagement.

„Das Verfahren basiert nicht auf einer klassischen Ausbildungsabschlussprüfung, sondern hat den Charakter einer praktischen Prüfung“, erläutert Klaus Mansutti, Leiter der Handelskammer-Abteilung „Ausbildung und Prüfungsorganisation“. Prüfende der Handelskammer bewerten die Kompetenzen der Teilnehmenden im Verhältnis zu einem offiziell anerkannten Referenzberuf. Am meisten gefragt war das Verfahren in Hamburg bisher bei Kaufleuten für Büromanagement, im Hotel- und Gaststättengewerbe sowie bei technisch-gewerblichen Berufen.

Am Anfang steht dabei eine ausführliche Beratung. Um danach einen Antrag zu stellen, müssen die Interessierten ihre beruflichen Fähigkeiten entlang ihres Lebenslaufs dokumentieren und mit Arbeitsnachweisen belegen. Im Feststellungsverfahren werden die vorhandenen Kompetenzen dann ermittelt und bewertet. „Gerade für ältere Arbeitskräfte ist das eine tolle Sache“, sagt Mansutti. „Ein Maschinen- und Anlagenführer mit Mitte 40 zum Beispiel kann nicht zwischendurch eine Ausbildung machen und mit diesem Gehalt seine Familie finanzieren.“

Coaching Unterstützung bei der Berufswahl und Lehrstellensuche bietet das Projekt „come in“. Es hilft 18- bis 25-Jährigen, Krisen zu bewältigen, eigene Stärken zu entdecken und eine Berufsperspektive zu entwickeln. Dazu dienen drei wöchentliche Coachingstunden über maximal sechs Monate. Ebenfalls an nicht schulpflichtige junge Erwachsene richtet sich CatchUp, das bei psychischen Problemen hilft. Beide Programme befinden sich in der Regelförderung der Stadt Hamburg und werden vom Bildungsträger gsm durchgeführt. Wer junge Talente akquirieren möchte, die die Programme durchlaufen haben, kann sich an Stefan Dükomy wenden, Projektleiter „U25 Hamburg“ bei gsm.

Das Feststellungsverfahren ist zwar mit bis zu 2000 Euro nicht günstig, erhöht aber die Arbeitsmarktchancen unmittelbar und praxisnah. Unternehmen können die Qualifikationen von Bewerbenden so besser einschätzen oder das Verfahren auch proaktiv bereits bestehenden Mitarbeitenden zur Weiterentwicklung anbieten.

Eine Validierung als Kauffrau für Büromanagement erreichte etwa die Hamburgerin Baharak Clausen. Die studierte Grafikdesignerin hat lange in der Werbung sowie in der systemischen Beratung und Familientherapie gearbeitet, häufig auf Projektbasis. „Gefühlt beschäftige ich mich seit 40 Jahren mit Buchhaltung“, erzählt Clausen. „Bei Bewerbungen im öffentlichen Dienst habe ich aber immer Absagen erhalten.“ Was fehlte, war der kaufmännische Abschluss.

„Ich habe mich im gesamten Prozess sehr gut aufgehoben gefühlt“, sagt die 52-Jährige über das Feststellungsverfahren. „Es gab bei jedem Schritt schnelle Unterstützung.“ Unter anderem erhielt sie Literaturempfehlungen, um aktuelle Standards zu erlernen. Am Prüfungstag selbst erledigte sie verschiedene Aufgaben, von der Veranstaltungsorganisation bis zur Excel-Anwendung. „Das war kompakt und anspruchsvoll“, erinnert sie sich.

Und es hat sich gelohnt. Clausen erhielt eine gleichwertige Anerkennung und arbeitet jetzt bei der Jugendberufsagentur in der Sachbearbeitung und Koordination. Trotz des hohen Aufwandes, den die individuelle Betreuung erfordert, ist Mansutti von dem Verfahren überzeugt: „In Hamburg erbringen wir gerade Pionierleistung und entwickeln viele Standards, die wir mit Kammern bundesweit teilen.“


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