Wenn es um Digital Health, also die Digitalisierung des Gesundheitswesens geht, hinkt Deutschland anderen Ländern in vielen Punkten hinterher. Über 70 Prozent der Ärztinnen und Ärzte nutzen weiterhin Faxgeräte für die Kommunikation mit anderen Praxen. Und trotz hochmoderner Diagnosegeräte laden radiologische Zentren Röntgen- oder MRT-Daten nur selten in eine Cloud, auf die überweisende Praxen zugreifen können. Den „Botendienst“ zwischen den Einrichtungen übernehmen meist die Untersuchten selbst, denen man eine physische Daten-CD mit den Bildern in die Hand drückt.
Der flächendeckende Start der elektronischen Patientenakte (ePA) sollte dazu beitragen, die digitale Fragmentierung endlich zu überwinden und Daten sektorenübergreifend verfügbar machen. Bisher hat sie sich jedoch kaum durchgesetzt: Weniger als vier Prozent der Versicherten nutzen sie aktiv, und die öffentliche Debatte wird vor allem durch Sicherheitsfragen, technische Anlaufschwierigkeiten und eine als viel zu umständlich empfundene Freischaltungsprozedur dominiert. Hier sind also Verbesserungen nötig.
Gleichwohl bleibt die ePA ein Schlüsselprojekt für eine leistungsfähige, vernetzte Gesundheitsversorgung. Davon ist auch Dr. Lukas Aschenberg, Geschäftsführer der Hamburger Tiplu GmbH, überzeugt. Die Softwarefirma startete 2016 mit dem Ziel, die Abrechnung in Krankenhäusern besser, sicherer und wirtschaftlicher zu machen.
Im Sinne einer intelligenten Nutzung von Gesundheitsdaten bietet sie heute KI-gestützte Lösungen in den Bereichen Medizincontrolling, klinische Unterstützung und Datenbereitstellung an. „Unsere Software bringt vorhandene Daten in ein bestimmtes Format, das die Abrechnung erleichtert. Unser Alleinstellungsmerkmal ist eine harmonisierte Datenbasis, die man auch Dritten zur Verfügung stellen kann“, erklärt Aschenberg.
Sein Unternehmen will dazu beitragen, immer mehr Teilschritte im Behandlungsablauf zu automatisieren. Aschenberg denkt hier an automatisiert zur Krankenkasse übermittelte Abrechnungsdaten sowie an Arztbriefe und Befunddokumentationen, die von Large Language Models (LLM) generiert werden – also KI-Chatbots wie ChatGPT. An die Entscheidung, in welche Abteilung ein Mensch von der Notaufnahme aus weitergeleitet wird oder welche Labordaten erhoben werden. „Das alles würde das Gesundheitswesen effizienter machen.“
Das Problem des Datenschutzes
Grundvoraussetzung für die automatisierte Datenerstellung und -übertragung ist allerdings, dass die erforderlichen Daten über offene Schnittstellen schnell verfügbar sind. Leider gebe es bei den Anbietern von Krankenhaus-Software eine Tendenz, Daten zurückzuhalten und die entscheidenden Schnittstellen nicht offenzulegen, kritisiert Aschenberg.
Auch die ePA überzeugt im Hinblick auf schnellen Datenzugriff noch nicht: „Aktuell ist die ePA leider in vielen Punkten ein PDF-Grab. Es dauert viel zu lange, bis man in so einer digitalen Akte etwas findet.“ Die verbreitete Skepsis der Ärzteschaft gegenüber der ePA kann Aschenberg deshalb sogar nachvollziehen.
Mangels zertifizierter und gut integrierter datenbasierter Softwarelösungen kommen dann im Klinikalltag andere digitale Tools zum Einsatz, teilweise auch in rechtlichen Grauzonen. „Wenn die Klinikleitung aufgrund von Datenschutzbedenken die Nutzung von LLM untersagt, verwenden die Mitarbeitenden eben ihre privaten Handys – einfach weil diese Tools mittlerweile so gute Ergebnisse liefern“, weiß Aschenberg und fordert: „Man sollte diese Graubereiche adressieren und rechtssichere Möglichkeiten schaffen. Statt Verboten brauchen wir praxistaugliche Lösungen.“
Eine Forderung, die die Handelskammer teilt: In ihrem Positionspapier „Gesundheitsstandort Hamburg 2040“ (pdf) kritisiert sie die „besonders strikte Anwendung der DSGVO in Deutschland“ und fordert insbesondere „eine einfachere Nutzung von (pseudonymisierten) Gesundheitsdaten“.
Auch Hosun Lee, einer der Geschäftsführer des Hamburger Digital-Health-Unternehmens Bornholdt Lee GmbH, sieht Regulatorik und Datenschutz als größte Bremsklötze, die Entwicklungs- und Abstimmungszyklen unnötig verlängern. „Wir brauchen Vereinfachungen und mehr Pragmatismus, damit Innovationen schneller in der Versorgung ankommen.“
Vorsprung bei Gesundheits-Apps
Immerhin ist Deutschland nicht in allen Teilaspekten der Digitalisierung Schlusslicht. Bei Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) – dem Spezialgebiet der Bornholdt Lee GmbH – geben hiesige Anbieter sogar das Tempo vor. Start-ups, die eine Idee für eine solche innovative Gesundheits-App haben, können sich an das Unternehmen wenden.
Die Einführung der ePA wurde in Deutschland erstmals 2003 beschlossen. Aber erst 2021 startete mit Version 1.0 die erste nutzbare elektronische Akte: Die Nutzung war freiwillig und erforderte eine aktive Zustimmung der gesetzlich Versicherten. Im Januar 2025 startete die „ePA für alle“ in drei Modellregionen, im April 2025 ging sie in die flächendeckende Nutzung für alle Versicherten. Seit Oktober 2025 müssen alle Leistungserbringer die ePA nutzen. Auch danach hat die Hackervereinigung Chaos Computer Club (CCC) immer wieder auf vereinzelte Sicherheitslücken hingewiesen und strukturelle Probleme angemahnt.
Bornholdt Lee begleitet sie dann bei Konzeption, Entwicklung, Zertifizierung und Marktplatzierung. Co-Geschäftsführer Malte Bornholdt berichtet: „In Sachen DiGA hat Deutschland tatsächlich international früh Maßstäbe gesetzt, das DiGA-Konzept wurde bislang nirgends so konsequent umgesetzt wie hier. Deutschland hat hier mehrere Jahre Vorsprung. Aber wir sollten aufpassen, dass andere Länder uns jetzt nicht auch in diesem Thema überholen.“
Nicht nur Start-ups, auch Ärztinnen und Ärzte hätten häufig innovative Ideen für neue Anwendungen. Schließlich können DiGA die Versorgung verbessern, die Therapietreue stärken und bei der Prävention unterstützen. „Wer von früh bis spät in der Patientenversorgung arbeitet, hat allerdings kaum Ressourcen, gute Ideen in marktreife Produkte zu überführen“, meint Bornholdt. „Wir verstehen uns als Enabler, die dafür sorgen, dass es machbar wird.“
Hamburg bietet dafür recht günstige Voraussetzungen. So lobt Bornholdt die Förderprogramme der Hamburgischen Investitions- und Förderbank (IFB) und der Bürgschaftsbanken. „Wir sind auch im Mentorenprogramm der Handelskammer aktiv, wo wir Start-ups beraten und helfen.“ Gleichzeitig bleibe die Kapitalbeschaffung anspruchsvoll. „Viele junge Unternehmen suchen länger als ein Jahr nach einer Finanzierung für ihre Idee“, sagt Bornholdt, „diese Hürde ist hoch und hemmt die Innovationskraft.“
Für Tiplu hingegen greifen vor allem bundesweite Fördermöglichkeiten wie die steuerliche Forschungszulage: Wenn ein Betrieb Mitarbeitende beschäftigt, die an innovativen, technologiegetriebenen Projekten arbeiten, kann es auf diese Personalkosten anteilig eine steuerliche Erstattung von bis zu 35 Prozent erhalten. „Das ist für unsere Arbeit ein ganz zentraler Faktor“, betont Aschenberg.
