Der Begriff Künstliche Intelligenz (KI) wurde schon Mitte der 1950er-Jahre geprägt (siehe Randspalte), doch erst die rasante Entwicklung der letzten Jahre zwingt ganze Wirtschaftszweige, radikal umzudenken: Um sich zukunftsfähig aufzustellen, müssen auch Hamburger Firmen heute dezidierte KI-Strategien entwickeln. Vor allem der Boom großer Sprachmodelle wie ChatGPT, Claude oder Gemini, die selbst Inhalte generieren können, hat den Druck auf hiesige Unternehmen erhöht, die Technologie möglichst effektiv für sich anzuwenden.
Dabei haben etliche Unternehmen das KI-Potenzial bereits früh erkannt: Die HHLA etwa begann bereits 2020, mithilfe von „Machine Learning“ die Verweildauer von Containern zu berechnen und ihren Weitertransport zu koordinieren. Und das Hamburger Software-Unternehmen zapliance hat sich seit 2015 darauf spezialisiert, die Prüfung und Analyse von SAP-Daten zu optimieren, etwa um Doppelzahlungen zu vermeiden. Basis ist dabei unter anderem „Pattern Recognition“: Die KI analysiert Muster in der Software und lernt, welche abweichend und welche erwünscht sind. Zwei Beispiele, die zeigen, wie vielfältig KI seit Jahren in der Hamburger Wirtschaft genutzt wird.
„Es gilt, Hamburg auch in Europa als sichtbaren KI-Standort zu positionieren“, forderte die Handelskammer bereits im Jahr 2020 in ihrem Standpunktepapier zu Künstlicher Intelligenz, um diesbezüglich Chancen für die Metropolregion zu identifizieren. „Damals ging es vor allem darum, Grundlagen und Aufmerksamkeit für das Thema KI zu schaffen“, erklärt Dr. Malte Krohn, Handelskammer-Referent für IT und Digitalisierung. „Seither ist auf der KI-Reise innerhalb der Hamburger Wirtschaft viel passiert.“
KI als Innovationstreiber
Seit seiner Gründung 2019 hat etwa das Artificial Intelligence Center Hamburg (ARIC) seine führende Rolle als Kompetenzzentrum für Künstliche Intelligenz in Norddeutschland kontinuierlich ausgebaut. Für 2025 hat das ARIC verschiedene KI-Highlights für die Metropolregion identifiziert.
Geschichte Die Entwicklung von KI begann in den 1950er-Jahren. Forscher programmierten logische Anweisungen, um menschliches Denken nachzuahmen, etwa beim Schach. Dieser händische Ansatz stieß bald an Grenzen, was zu „KI-Wintern‟ führte, also zu Phasen schrumpfender Forschungsbudgets. Dank exponentiell wachsender Rechenleistung und großer Datenmengen aus dem Internet entwickelte sich KI ab den 2000er-Jahren von starren Regelsystemen hin zu maschinellem Lernen – angewendet etwa in Bild- und Spracherkennung. 2020 begann der Boom der generativen KI auf Basis von Transformer-Modellen, die Kontext und Bedeutung von Daten erfassen können.
Das Projekt ALIKE beispielsweise ist ein bedeutender Schritt hin zu autonomen Verkehrssystemen in der Hansestadt. Mit hochautomatisierten On-Demand-Shuttles entwickelt die HOCHBAHN zusammen mit Hamburger Hochbahn AG, Holon und Volkswagen eine Ergänzung zum öffentlichen Nahverkehr.
Hafenwirtschaft, Medien und Medizin zählen ebenfalls zu den Innovationstreibern von KI in Hamburg. Gerade im Gesundheitswesen kommt dem Thema „Verantwortungsvolle KI“ (Responsible AI) eine wichtige Rolle zu, um etwa die Sicherheit von Patientendaten zu gewährleisten.
Als eines der Schlüsselprojekte nennt das ARIC die KI-gestützte Spracherkennung Orpheus der UKE-Tochter IDM gGmbH, die speziell auf medizinische Sprache und den klinischen Alltag trainiert wurde. Das Fachpersonal kann gesprochene Inhalte in Text umwandeln lassen, sodass die Dokumentation beschleunigter und strukturierter abläuft.
Vernetzung und Austausch
Um KI voranzubringen, ist es zentral, Kräfte zu bündeln und Informationen auszutauschen. Als offizielle KI-Initiative der Stadt hat das ARIC gemeinsam mit der Handelskammer und dem Mittelstand-Digital Zentrum Hamburg daher 2020 den jährlich stattfindenden KI-Summit ins Leben gerufen. Dieses zentrale Branchen- und Netzwerktreffen wird am 8. September 2026 erneut den Fokus darauf legen, KI-Wissen zu vermitteln, Best-Practice-Beispiele aufzuzeigen und Start-ups in den Austausch mit traditionellen Unternehmen zu bringen.
„In den Breakout-Sessions verhandeln wir in diesem Jahr wieder eine große Bandbreite an Themen“, erläutert Pina Morgenstern, Digitalisierungsexpertin bei der Handelskammer und Mitorganisatorin des KI-Summit. Zentrale Fragen sind: Wie lässt sich die digitale Souveränität fördern? Welche Konsequenzen hat es, wenn sich ab August mit dem EU AI Act die rechtlichen Rahmenbedingungen ändern?
Und wie können Unternehmen eine KI so einsetzen, dass sie nicht nur einen Effizienzgewinn bedeutet, sondern das eigene Geschäftsmodell strategisch erweitert? Das Rahmenprogramm des KI-Summit konzentriert sich vor allem auf das Thema „Hamburg als KI-Standort“. Eine Bestandsaufnahme, die konstruktiv in die Zukunft führen soll, wie Morgenstern erklärt: „Was gibt es, was braucht es noch und was können wir von anderen Städten lernen?“
Hamburg: Eine Stadt mit Potenzial
Im Digitalranking 2026 der Bundesländer, das der Branchenverband Bitkom publiziert, liegt Hamburg mit 70,3 von 100 möglichen Punkten erneut mit deutlichem Abstand auf Platz eins. Dabei punktet die Hansestadt vor allem in den Kategorien „Digitale Wirtschaft“ und „Digitale Infrastruktur“. Positiv hervorgehoben wird unter anderem das „Zentrum Digitaler Zwilling Hamburg“ (ZDZ), das urbane Modelle für eine datenbasierte Stadtplanung, für Mobilität und Klimaschutz sowie für digitale Produkte und Geschäftsmodelle entwickelt – vorangetrieben von KI.
Was die konkrete Nutzung von KI in der Wirtschaft betrifft, so lag Berlin im Jahr 2024 allerdings mit 32 Prozent aller Betriebe ab zehn Beschäftigten vor Hamburg (26 Prozent) und Bayern (23 Prozent). Nachholbedarf besteht in Hamburg darin, Ideen umzusetzen und zu skalieren. „Hamburg braucht noch mehr Mut und stärkere Investitionen in Innovation“, so Malte Krohn, der derzeit ein Analysepapier der Handelskammer zu Künstlicher Intelligenz erarbeitet. Wie sehr Hamburg sich noch steigern kann, zeigen die Patentanmeldungen von Technologien mit KI-Bezug, die das Innovations- und Patent-Centrum der Handelskammer 2025 analysiert hat.
Globale Spitzenreiter bei den KI-Patenten sind Samsung, Microsoft, IBM, Google und Huawei. Erste deutsche Firma im Ranking ist die bei Stuttgart ansässige Robert Bosch GmbH. Im nationalen Vergleich folgt hinter Bosch die bayerische Siemens AG und deren Tochtergesellschaft, das Medizinunternehmen Siemens Healthineers, des Weiteren Volkswagen, BMW und Audi.
In Hamburg hat in den vergangenen Jahren der Logistikanbieter Still die meisten KI-Patente angemeldet. Als Teil der Frankfurter Kion Group forscht die GmbH unter anderem zu autonomer Navigation von Flurförderzeugen wie Gabel- und Kommissionierstaplern. Jungheinrich und Airbus Operations belegen hamburgweit Platz zwei und drei bezüglich der KI-Erfindungen, die von 2011 bis 2024 registriert wurden.
KI-Kompass Erste Anlaufstelle, um sich über den KI-Einsatz zu informieren, ist der KI-Kompass der Handelskammer. Unter www.handelskammer-hamburg.de/ki-kompass finden Unternehmen erste Orientierung in ihrer KI-Reise, können Potenziale identifizieren und nächste Schritte planen. Der KI-Kompetenz-Check-in hilft dabei, realistisch einzuschätzen, wo das Unternehmen in Sachen KI steht – von der Anwendung einzelner Tools bis hin zur Optimierung des Geschäftsmodells. Die KI-Use-Case-Canvas unterstützt dabei, Ideen konkret umzusetzen. Der KI-Kompass liefert zudem viele Kontakte und verweist auf Kooperationsmöglichkeiten.
Wichtig für die Innovationskraft der Hansestadt sind neben diesen großen Unternehmen vor allem die Existenzgründungen mit disruptivem wie kreativem Drive. Das „appliedAI Institute for Europe“ hat 2025 analysiert, dass das deutsche KI-Start-up-Ökosystem maßgeblich von Berlin und München geprägt wird.
Während Berlin mit 283 jungen Unternehmen quantitativ an der Spitze steht, etabliert sich München mit 200 Start-ups zum Hub für Deep Tech, Industrie und Robotik. Hamburg wiederum fokussiert sich stark auf E-Commerce, Medien und Energie, liegt aber mit 71 KI-Start-ups noch weit hinten.
„Wichtig ist, das Ziel zu verstehen“, so Anselm Fehnker, KI-Projektmanager am ARIC. „Wollen wir bloß besonders viele Start-ups haben, mit dem Risiko, dass die Qualität darunter leidet? Hamburg setzt nicht nur auf die schiere Zahl der Gründungen, sondern schafft mit Infrastruktur, Bildungs- und Förderangeboten die essenziellen Rahmenbedingungen, damit KI verantwortungsbewusst und effizient eingesetzt wird.“
Der studierte Informatiker berät und begleitet Unternehmen bei der erfolgreichen Umsetzung von KI-Projekten. Hamburg sei als Digitalisierungshauptstadt, wie es das Bitkom-Ranking belegt, auf einem sehr guten Weg. Dennoch sieht er gerade bei den Start-ups noch viel Potenzial. „Hamburg muss Anreize schaffen, damit sich junge Talente für diese Stadt entscheiden.“ Dazu zählen gute Förderprojekte und höhere Förderbudgets, aber auch die Möglichkeit, Rechenkapazitäten nutzen zu können.
Treffpunkte und Initiativen
„Die KI-Branche ist in Hamburg sehr fragmentiert“, sagt Malte Krohn. Der KI-Experte betont daher, wie essenziell zentrale analoge Treffpunkte und Anlaufstellen sind. Als Beispiel nennt er das neue „House of AI“ in der HafenCity. Auf 1000 Quadratmetern können ausgewählte Gründerteams aus dem KI-Bereich zusammenarbeiten.
Der Ort bietet zudem eine Kapazität für Events mit 200 Gästen. Das Konzept, das aus San Francisco stammt, füllt durchaus eine Lücke in Hamburg. Denn das Programm AI.STARTUP.HUB, das unter anderem vom Wirtschaftsministerium gefördert wurde, ist nach vier Jahren ausgelaufen. Beheimatet war das Modellprojekt ebenfalls in der HafenCity. 118 Start-ups durchliefen das Programm erfolgreich.
Zahlreiche Initiativen zu Künstlicher Intelligenz bestehen bereits in der Hansestadt – unter anderem solche, die Frauen vernetzen. Die Handelskammer hat im Juni unter dem Titel „AI Female Futures“ schon existente Projekte und Akteurinnen zusammengebracht, darunter „AI Curious Collective“, „Dear Monday“ und „Women in AI Hamburg“. Erörtert wurden Fragen nach Räumen und Infrastruktur, Sponsoring und Unternehmenspartnerschaften, Marketing und Mentoring. Entscheidend war vor allem, überhaupt in den Austausch zu kommen. Für einen effektiven und auch menschlichen Umgang mit KI.
Resilienz sichern
Bei allen Chancen bringt KI auch viele Risiken mit sich. Konfliktpotenzial birgt etwa die KI-bedingte radikale Veränderung der Joblandschaft – zum Beispiel in der Medienbranche oder bei Versicherungen: Werden die „neuen“, durch KI geschaffenen Jobs ausreichen, um den Wegfall ganzer Berufe zu kompensieren?
Neben den Sicherheits- und Compliance-Fragen, die KI aufwirft, ist auch die Abhängigkeit von den USA ein Problem. Was tun, wenn KI plötzlich nicht mehr verfügbar ist – wie kürzlich die Anthropic-KI „Claude Fable 5“? Und ist der Datentransfer in die USA noch legal, wenn die US-Regierung ins Handeln der US-Aufsichtsbehörde FTC eingreifen darf? Zentral ist es daher, eigene KI-Kapazitäten zu entwickeln, etwa auch mithilfe von Reallaboren wie der „KI-Sandbox“, für die das ARIC bereits 2025 ein Konzept erarbeitet hat. Was in Hamburg zu tun ist, um die digitale Resilienz zu sichern, wird auch im Zentrum des KI Summits 2026 stehen.
