
Interview von Jan Freitag, Fotos von Mike Schaefer, 4. April 2025
Frau Amer, Herr Oesterhelweg, wie lässt sich die Fachkräftelücke am besten schließen?
Olaf Oesterhelweg: Dafür gibt es leider keine einfache Lösung. Fakt ist: Wir brauchen dringend Fachkräfte, damit die Metropolregion auch in Zukunft wirtschaftlich erfolgreich bleibt. Hamburg hat keine Rohstoffe. Unser Rohstoff sind gut ausgebildete Menschen. Deshalb machen wir uns als Haspa seit jeher auch für die Berufsausbildung stark. Es gibt jedenfalls zahlreiche Handlungsfelder, an denen Politik, Unternehmen und Gesellschaft ansetzen können. Neben der Qualifizierung zählen dazu auch Maßnahmen zur Erhöhung der Erwerbsbeteiligung, zum Beispiel über die Schaffung flexibler Arbeitszeitmodelle, die Zuwanderung von Fachkräften oder die Verbesserung adäquater Lebens- und Arbeitsbedingungen.

Donya-Florence Amer: Wobei internationale Unternehmen wie Hapag-Lloyd bei der Suche nach Talenten ein bisschen flexibler sind. Während unser Wohnzimmer am Ballindamm für unsere Headquarter-Funktionen wie Finanzen, Personal, Controlling, Nachhaltigkeit oft noch regional rekrutiert, suchen wir in den Bereichen Technologie oder Data zum Beispiel weltweit.
Wir sind eines der wenigen Unternehmen, das in der Schifffahrt in Deutschland noch ausbildet, jedoch werden ganze Teams auch im Ausland aufgebaut. In Hamburg sind wir groß geworden, bei 400 Büros in fast 140 Ländern dürfen und müssen wir zum Glück global denken.
Sind 400 Büros umgerechnet 400 potenzielle Ausbildungsbetriebe für die Zentrale?
Amer: Grundsätzlich bilden wir – wo es Sinn macht – global aus. Hapag-Lloyd ist und bleibt ein globales Unternehmen, und das spiegelt sich auch in unserer Ausbildung wider. Am Standort in Hamburg haben wir jedes Jahr rund 70 Auszubildende, die Landberufe wie Schifffahrtskaufmann/-frau erlernen, duale Bachelor-Studiengänge absolvieren oder traditionelle maritime Berufe erlernen. Bei den Auszubildenden an Land schauen wir immer, dass sie mindestens einen internationalen Einsatz haben, und die „Seezubis“ sind ohnehin auf den Weltmeeren unterwegs.
Oesterhelweg: Die Haspa verfügt über 100 Nachbarschaftsfilialen und unsere Zentrale, das neue Deutschlandhaus. Sowohl im Vertrieb als auch im Betrieb suchen wir neue Mitarbeitende auf allen Ebenen. Wir hatten allein im letzten Jahrgang 180 neue Auszubildende, doppelt so viel wie das Jahr zuvor. Und so viele Bewerbungen wie seit zehn Jahren nicht mehr. Wir erreichen heute Talente, die uns vor wenigen Jahren noch nicht auf dem Zettel hatten. Daran sehen wir, wie die Arbeitgebermarke Haspa an Attraktivität gewonnen hat. Dennoch müssen wir darauf achten, wen wir nehmen – also nicht nur „Einser-Abiturienten“, sondern vor allem solche, deren Persönlichkeitsstruktur und Mindset zu uns passen.
Mit welchen Angeboten gewinnt man Mitarbeitende?
Oesterhelweg: Eine attraktive Vergütung, Benefits sowie eine moderne Arbeitsumgebung mit Top-Technik sind wichtig. Ebenso das Umfeld einer so lebens- und liebenswerten Stadt wie Hamburg. Diese hohe Anziehungskraft hat aber auch eine Schattenseite: knapper und teurer Wohnraum. Umso stolzer sind wir auf unsere Azubi-Apartments am Alsenplatz in Altona für 144 Auszubildende. Hier haben wir bezahlbaren Wohnraum für den beruflichen Nachwuchs geschaffen, nicht nur für unsere eigenen Azubis.
Donya-Florence Amer (52) hat BWL in Köln und Berkeley studiert und seit 17 Jahren Leitungsfunktionen im Bereich digitale Transformation oder Business Analytics inne. Ende 2021 wurde sie in den Vorstand der Hapag-Lloyd AG berufen. Dort ist sie „Chief Information Officer“ und „Chief Human Resources Officer“. 2024 wählte Beyond Gender Agenda sie zur „Frau des Jahres“. Olaf Oesterhelweg (56) hat BWL in Bielefeld, Brüssel und Kiel studiert und wurde in Hamburg promoviert. Seit 1998 ist er bei der Haspa, wo er 2020 Vorstand für Kundengeschäft, Personal, Treasury und der Muttergesellschaft HASPA Finanzholding wurde. Seit Ende 2023 ist er stellvertretender Vorstandssprecher. Kurz darauf wurde der zweifache Vater Vizepräses der Handelskammer.
Amer: Im Unterschied dazu bieten wir bei Hapag-Lloyd moderne Tradition. In unserer wunderschönen Zentrale am Ballindamm gibt es zum Beispiel sowohl einen Paternoster als auch eine moderne Arbeitsumgebung, die kollaboratives Arbeiten und Innovation fördert. Wir geben jedem eine Stimme – unabhängig von Position oder Erfahrungslevel – und ermöglichen es unseren Mitarbeitenden, aktiv Einfluss auf den Erfolg unseres Unternehmens zu nehmen.
Darüber hinaus unterstützen wir internationale Kolleg:innen bei Behördengängen oder der Wohnungs- und Schulsuche, die ohne deutsche Sprachkenntnisse nicht einfach ist. Es gibt da einen Blumenstrauß an Hilfestellungen bis hin zu Fitness-, Sport-, Kulturangeboten oder dem Deutschlandticket, um nachhaltige Mobilität herzustellen.
Integration kann sehr hohe Kosten verursachen. Trägt die Hapag-Lloyd?
Amer: Was wäre denn die Alternative? Auf Fachkräfte zu verzichten? Schon weil unsere Arbeitssprache auch in Hamburg Englisch ist, haben wir das Glück, gute Leute wie Ullas Wadhwa, die vollen Einsatz für das Unternehmen zeigen, zu uns nach Hamburg zu holen. Das lassen wir uns gerne einiges kosten, denn sie unterstützen uns erfolgreich bei der konkreten Umsetzung unserer „Strategie 2030“.
Oesterhelweg: Weil erkannt wurde, wie viel teurer unbesetzte Stellen sind, wächst die Bereitschaft, generell mehr ins Personal zu investieren. Gute Leute zahlen ein Vielfaches der Investitionen zurück. Wir schenken unseren Azubis von Beginn an ein hohes Maß an Verantwortung und Gestaltungsfreiheit.
Als Hamburger Unternehmen wollen wir unseren Standort durch motiviertes Personal aus aller Welt stützen.
Donya-Florence Amer
Dass wir von der Handelskammer auch dafür als „Hamburgs bester Ausbildungsbetrieb“ ausgezeichnet wurden, freut uns daher sehr. Abseits solcher quasi Start-up-Methoden zählt am Ende aber immer das, was heutzutage Purpose heißt. Wir müssen den Menschen nicht nur vermitteln, welchen Zweck ihre Arbeit im Unternehmen erfüllt, sondern auch umgekehrt, was das Unternehmen für ihr Leben bedeuten kann.
Sinnstiftung ist also ein wichtiges Thema?
Amer: Unbedingt. Abgesehen von der Höhe der Gehaltsabrechnung hilft ein positives Image – getrieben von unserer identifikationsstiftenden, nachhaltigen, langfristigen „Strategie 2030“ – bei der Gewinnung von Talenten mindestens genauso wie die vier anderen Faktoren. Ob bei Qualifizierungs- oder Bewerbungsgesprächen: Wir stellen stets den Menschen in den Mittelpunkt und welche Rolle die Kandidat:innen und ihre Werte für uns spielen.
Bekommen Sie diese Gewichtung auch bei Bewerbungen gespiegelt?
Amer: Was Hapag-Lloyd attraktiv macht, zum Beispiel für IT-Fachkräfte, sind unsere Technologie-Transformation sowie unsere Weiterbildungsangebote. Dafür haben wir sogar unsere eigene Hapag-Lloyd Academy gegründet. Durch den direkten Zugang zu unserer eigenen, maßgeschneiderten Bildung ermöglichen wir es unseren Mitarbeitenden, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln, ihre Qualifikationen zu erweitern und stets auf dem neuesten Stand zu bleiben. So schaffen wir nicht nur eine höhere Fachkompetenz im Unternehmen, sondern eröffnen unseren Talenten auch neue Perspektiven für verantwortungsvollere und anspruchsvollere Positionen.

Oesterhelweg: Die Haspa verfügt ebenfalls über eine eigene Akademie. Die fortlaufende Qualifizierung unserer Mitarbeitenden ist aber nicht nur das A und O, sondern auch der Bereich, auf den wir als Unternehmen die größte Einflussmöglichkeit haben. Deshalb kommt sie unmittelbar nach dem Sinn.
Amer: Mein Mentor hat mir mal gesagt: Sei interessiert, sei interessant, und das gilt für beide Seiten. Wenn man diese Balance hält, haben alle was davon.
Oesterhelweg: Führungskräfte müssen ohnehin Vorbilder sein. Nur, was wir vorleben, kriegen wir auch zurück. Und da machen wir die Erfahrung, dass Authentizität äußerst anziehend wirkt. Zudem investieren wir in die Weiterentwicklung unserer Führungskräfte, um unser Verständnis von moderner Führung im Haus zu festigen.
Haspa und Hapag-Lloyd haben aber schon Fachkräftemangel, oder?
Amer: Ja, haben wir. Aber als Global Player können wir jederzeit das Spielfeld wechseln oder vergrößern. Weil wir aber auch im Headquarter gute Leute brauchen, wünschen wir uns von der Politik sehr, die Prozesse zur Immigration und Integration zu vereinfachen.

Oesterhelweg: Ganz wichtiges Thema! Und wir sprechen jetzt auch hier darüber, damit es transparenter wird. Ich sitze ja im Präsidium der Handelskammer, die den erwähnten Vier- bis Fünfklang als Vertretung der Hamburger Unternehmen der Politik gegenüber offensiv vertritt. Das ist aus meiner Sicht eine Mischung aus Push und Pull; man kann und soll Dinge fordern, darf als Unternehmen aber auch gerne initiativ werden und mit gutem Beispiel vorangehen.
Zum Beispiel?
Oesterhelweg: Nehmen Sie die Jobturbo-Initiative zur schnellen Integration Geflüchteter in den Arbeitsmarkt. Wir haben Ukrainerinnen eingestellt, um ihre Landsleute adäquat zu betreuen.
Inzwischen sind sie aus der Haspa nicht mehr wegzudenken. Deshalb beteiligen wir uns auch gerne am „Marktplatz der Begegnungen“ unserer Handelskammer. Das Format hilft dabei, Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Und das ist gut, deshalb wollen wir auch andere Unternehmen motivieren.
Die gesellschaftspolitische Stimmung geht gerade eher in die Richtung, Menschen von außerhalb fernzuhalten …
Amer: Das stimmt. Für viele unserer internationalen Fachkräfte spielt nicht nur der Job eine Rolle, sondern auch, wie willkommen sie und ihre Familie sich an ihrem neuen Lebensmittelpunkt fühlen. Wenn sich Menschen da nicht unterstützt und willkommen fühlen, ob mit Visa, Sprachkursen oder Wohnraumsuche, bleiben sie weg. Diese Hürde können wir nur gemeinsam mit der Politik nehmen.
Oesterhelweg: Stichwort Entbürokratisierung!
Amer: Als Hamburger Unternehmen wollen wir unseren Standort durch motiviertes Personal aus aller Welt stützen, aber ohne Willkommenspolitik wird das schwierig. Weil Hamburg bei aller Attraktivität und Sicherheit ja auch den einen oder anderen Regentag hat, ist die Politik da umso mehr gefordert.
Oesterhelweg: Wir werden im September auf Initiative der Handelskammer den ersten Auszubildenden aus Usbekistan bei uns in der Haspa begrüßen.
Allein die Haspa benötigt in den kommenden zehn Jahren bis zu 2500 Mitarbeitende.
Dr. Olaf Oesterhelweg
Amer: Witzig, wir auch! Wenn Politik und Gesellschaft nicht hinterherkommen, müssen wir unsere eigene Willkommenskultur schaffen.
Wirkt Diversität generell dem Fachkräftemangel entgegen?
Amer: Klar. Würden wir Diversität nicht auf allen Ebenen fördern, gäbe es noch mehr unbesetzte Stellen.
Oesterhelweg: Wir fördern Diversität über eigene Netzwerke wie Haspa Pride oder women@haspa und über unsere klare Haltung. Und auch bei der Zusammensetzung von Teams kann Diversität zu besseren Ergebnissen beitragen, da sie verschiedene Perspektiven ermöglicht.
Amer: Diese Netzwerke haben wir natürlich auch. Insgesamt ist aber auch bei Haspa und Hapag-Lloyd noch Luft nach oben. In der traditionell männlichen Logistik-Branche war ich zwar die erste Frau im Vorstand, aber wir sind auf einem guten Weg.
Wir setzen uns aktiv für mehr Diversität auf allen Führungsebenen ein und schaffen gezielt Chancen für Frauen und internationale Talente. Unser Ziel ist es, den Anteil von Frauen in Führungspositionen kontinuierlich zu steigern – von unseren Talentprogrammen bis hin zur höchsten Managementebene.
Hapag-Lloyd entstand 1970 als Zusammenschluss der Reedereien Hapag und Norddeutscher Lloyd. Die AG gehört heute zu den fünf größten Containerreedereien weltweit. Die gut 16 000 Beschäftigten erwirtschafteten 2024 rund 2,4 Milliarden Euro Gewinn bei einem Umsatz von 16,7 Milliarden Euro. Die Hamburger Sparkasse (Haspa) entstand 1827 als „Armensparkasse“. Mit 4400 Mitarbeitenden, 190 Auszubildenden, 100 Filialen und einer Bilanzsumme von 56,7 Milliarden Euro (2024) ist sie heute die größte Sparkasse des Landes, eine führende Bank für Privatkunden und einer der größten Arbeitgeber in Hamburg.
Dazu investieren wir in gezielte Förderprogramme, Weiterbildungsangebote und eine inklusive Unternehmenskultur, die es allen ermöglicht, ihr volles Potenzial zu entfalten. Deshalb haben wir klare Zielvorgaben für den Frauenanteil in den verschiedenen Managementebenen eingeführt.
Hilft die KI mittlerweile beim Recruiting?
Amer: Wo wir KI bereits gezielt einsetzen, ist in den ersten Trainings während des Onboardings. Neue Mitarbeitende durchlaufen verpflichtende Grundlagenschulungen, die teilweise durch KI-gestützte Lernprogramme unterstützt werden. Ergänzt wird das Ganze durch unsere Onboarding-Tage, die weiterhin vor Ort stattfinden.
Oesterhelweg: Ohne digitale Tools zur Datenauswertung sind Herausforderungen wie der Fachkräftemangel im Zuge demografischer Veränderungen und die Bedarfsermittlung für die Zukunft nicht handhabbar. Wir sehen beim klugen Einsatz von KI daher auch deutlich mehr Chancen als Risiken, weil sie uns in wichtigen Verwaltungsbereichen unterstützen kann.
Was ist Ihre Prognose für die Fachkräftesituation im Jahr 2040?
Amer: Hapag-Lloyd hat die richtige Strategie und eine sehr motivierte Mannschaft. Darüber hinaus investieren wir in die richtigen Themen und sind somit zuversichtlich, dass wir für die Herausforderungen Richtung 2040 auf dem richtigen Kurs sind.
Oesterhelweg: Allein die Haspa benötigt in den kommenden zehn Jahren bis zu 2500 Mitarbeitende. Das ist eine echte Herausforderung. Und dafür tun wir eine Menge. Arbeitgeberattraktivität ist zu einem wichtigen wirtschaftlichen Erfolgsfaktor geworden. Hier müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen.
