Henry, was hat euch dazu bewogen, euch mit Stentgrafts zur minimalinvasiven Behandlung von Aorten-Erkrankungen zu befassen? Gab es einen bestimmten Anlass? Vielleicht erklärst du auch noch, was genau Stentgrafts sind und was eure Produkte von anderen unterscheidet.
Medizin und somit auch der menschliche Körper haben mich schon immer fasziniert. Mit meinem Abi hatte ich jedoch damals keine Chance auf einen Studienplatz. Also wurde es Maschinenbau, doch das grundlegende Interesse blieb stets erhalten.
Im Studium kam ich mit den unterschiedlichsten Menschen, Technologien und Innovationen in Kontakt wie zum Beispiel medizinischen Textilien. Und was als Idee vor einigen Jahren begann, wurde nach Gesprächen mit Chirurgen und Industrie-Fachleuten zu einem lebenden Projekt, dem ich jetzt, gemeinsam mit meinem Co-Founder Maximilian, meine ganze Aufmerksamkeit schenken kann.
Maximilian ist ebenfalls Maschinenbauer und das perfekte Pendant zu mir. Der Gründerfunke ist bei ihm auf trockenes Stroh gefallen, und wenn man zusätzlich noch Menschenleben retten kann – das ist Maschinenbau am Körper …
Ein Stentgraft ist der Versuch, ein Blutgefäß synthetisch herzustellen, um damit eine geschwächte Aorta zu entlasten und diese vor dem Platzen zu bewahren. Denn bei einem Aneurysma misst die Aorta, die „Blutautobahn“ des Körpers, nicht mehr etwa nur zwei Zentimeter Durchmesser, sondern bis zu acht Zentimeter.
Wenn sie reißt, bleibt nicht mehr viel Zeit. Allein in Deutschland sterben bis zu 10 000 Menschen jährlich an einem rupturierten („zerplatzten“) Aorten-Aneurysma. Anstatt einer risikoreicheren offenen Operation wird heute vermehrt auf die schonende, minimalinvasive Behandlung gesetzt.
Dabei sind drei Elemente besonders wichtig: kleine Katheter (vor allem für Frauen), optimaler Sitz des Stentgrafts, lange Haltbarkeit. Durch unsere Technologie verbinden wir Materialien auf eine Art, wie es vorher niemand konnte, und können so in allen drei Elementen die Implantate verbessern.
Wo liegen für ein medizinisches Start-up wie das eure die besonderen Herausforderungen? Forschung ist teuer, und es kommt meist darauf an, schneller zu sein als die Konkurrenz. Auch Patente dürften für euch eine wichtige Rolle spielen …
Wir müssen das Gleiche wie die ganz großen Unternehmen schaffen, jedoch mit zehn Prozent der Kosten in einem Bruchteil der Zeit. Hinzu kommen mangelnde Toleranz für Fehler und eine Agilität, die eher an eine Maus zwischen Elefantenfüßen erinnert. Wenn man nicht aufpasst, wird man zertreten, aber wenn man es clever anstellt, ist man ganz vorn mit dabei, ohne dass es jemand bemerkt.
Patente sind da ein super Beispiel. Stents/Stentgrafts gehören zu den meistpatentierten Medizinprodukten. Hier eine Lücke zu finden, ist schwer. Unser Ansatz jedoch ermöglicht, Innovationen, die es so noch nicht gibt, und unsere eigenen Neuheiten am Markt zu etablieren und zu schützen.
Eine ganz andere Herausforderung ist die Regulatorik. Aktuell ist die „Food and Drug Administration“ (FDA) in den USA die bessere Alternative für uns, Produkte zuzulassen, da dort der Prozess schneller vonstattengeht. Wir würden die europäische „Medical Device Regulation“ (MDR) vorziehen und diesen Markt nach vorn bringen, jedoch ergibt es aus strategischer Sicht aktuell keinen Sinn, da wir hier im Durchschnitt ganze zwei Jahre länger brauchen würden und zu viele Unsicherheiten hätten.
Ihr habt im vergangenen Jahr beim „Gründergeist“ den ersten Platz gemacht. Hattet ihr damit gerechnet? Und wirkt sich dieser Preis in irgendeiner Weise auf Aortex aus? Was bedeutet solch ein Event für Hamburg?
Wir hätten niemals gedacht, so viele Pitch-Wettbewerbe zu gewinnen. Vor allem nicht den „Gründergeist“, denn die anderen Start-ups waren unfassbar stark. Jedes hätte gewinnen sollen. Und trotzdem fühlt es sich jedes Mal an wie beim ersten Mal.
Meine Generation möchte echte Probleme lösen, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, neuen Denkweisen und harter Arbeit.
Henry Stehle
Kaum jemand kann sich vorstellen, wie viel 10 000 Euro für ein so junges Start-up sind. Aortex und wir als Gründer benötigen letztlich diese finanziellen Mittel, um uns 24/7 mit Aorten und Stentgrafts beschäftigen zu können. Und neben dem finanziellen und medienwirksamen Push ist ein solcher Gewinn reines Adrenalin und lässt uns vor Energie überquellen.
Ich würde mir wünschen, dass diese Energie in ganz Hamburg spürbar wird. Wir sind schon gut unterwegs, aber könnten das Potenzial der Stadt mit den jungen, topausgebildeten und motivierten Menschen noch viel mehr nutzen. Wenn man die Erfahrung der jetzigen Generation mit der Innovationskraft der morgigen noch besser zusammenbringt – was könnte da alles draus entstehen.
Meine Generation möchte echte Probleme lösen, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, neuen Denkweisen und harter Arbeit. Der „Gründergeist“ bietet die Bühne, genau diese Innovationskraft einer breiten Masse vorzustellen.
