Gespannt blicken 400 Fachleute aus Kliniken und Forschung in der Handelskammer auf eine Leinwand und verfolgen die Live-Übertragung von drei Operationen. Was sie sehen, ist eine Premiere: Die Chirurgen stehen nicht selbst am OP-Tisch, sondern steuern Roboterarme, die Patienten in Peking, Aalst und Madrid operieren. Dazu hantieren sie an Konsolen und Joysticks – in der Asklepios Klinik Altona und direkt im Konferenzsaal der Handelskammer. Eine beeindruckende Vorführung, die im November 2025 den Höhepunkt des 15. Symposiums der Deutschen Gesellschaft für Roboter-assistierte Urologie e. V. markierte und als „Meilenstein“ bezeichnet wurde.
Bis solche Eingriffe aus der Ferne Standard sind, wird es noch einige Zeit dauern. Vorher gibt es nicht zuletzt einige ethische und rechtliche Fragen zu klären. Aber: Wie das Event zeigt, sind die Operationen technisch schon heute möglich.
Sie stehen exemplarisch für eine Entwicklung, die über den OP-Tisch hinausreicht. Neue Technologien verändern die Medizin rasant, alles wird präziser, digitaler, datengetriebener. Das eröffnet neue Möglichkeiten – und Hamburg mit seiner überaus dynamischen Gesundheitswirtschaft will sich dezidiert als Wissens- und Innovationsstandort positionieren.
Neben Kliniken und Forschungseinrichtungen, Start-ups und Pharmaunternehmen bietet die Hansestadt spezifische Entwicklungsräume wie den Innovationspark Altona als nördlichen Auftakt der Science City Bahrenfeld, zu dem der Inkubator Start-up Labs und das auf biologische und chemische Nasslabore spezialisierte tecHHub gehören.
Auch an Ideen mangelt es nicht. Impulse kommen aus Medizintechnik, Biotechnologie oder Digital Health, das Spektrum reicht von Wirkstoff- und Antikörperforschung über molekulare Analytik, Zell- und Gentherapien bis hin zu KI-gestützten Anwendungen für Diagnostik und bessere Klinikabläufe. „Komplexe Krankheiten wie Krebs, Demenz, Rheuma oder Herz-Kreislauf-Leiden lassen sich heute ohne Biotechnologie kaum noch adressieren“, sagt Dr. Oliver Schacht, Geschäftsführer des Branchennetzwerkes Life Science Nord Management GmbH. „Mehr als die Hälfte aller neuen Medikamente weltweit stammen aus diesem Umfeld.“
Therapien individualisieren
Ein prägender Trend der vergangenen Jahre ist die personalisierte Medizin. Neue Analyseverfahren und datenbasierte Auswertungen ermöglichen die Entwicklung zielgerichteter Therapien. Ein Beispiel dafür ist das Hamburger Biotech-Unternehmen Indivumed, das sich auf die Präzisions-Onkologie spezialisiert hat. „Unser Kerngedanke ist, die zellbiologischen Grundlagen von Krebserkrankungen einzelner Patientengruppen zu entschlüsseln und dadurch präzisere Therapien zu entwickeln“, sagt Managing Director Prof. Dr. Hartmut Juhl.
Seit mehr als 20 Jahren sammelt Indivumed Gewebeproben und vergleicht systematisch Moleküle in Tumor- und in gesundem Gewebe. Zusammen mit klinischen Informationen wie Alter, Geschlecht oder Vorerkrankungen entstand so eine umfangreiche Datenbank. Mithilfe KI-gestützter Analysen werden darin wiederkehrende Muster identifiziert – und diese bieten Ansatzpunkte für die Entwicklung gezielterer Wirkstoffe. Bei der Gründung entschied man sich für Hamburg unter anderem wegen der vielen exzellenten Kliniken. „Hier konnten wir Proben und Daten in hoher Zahl und Qualität gewinnen und eigene Standards entwickeln, die wir heute auch international einsetzen“, so Juhl.
Eine noch stärkere Personalisierung findet sich bei neuen Diagnoseansätzen. Das Unternehmen Haystack Oncology, einst ein Hamburger Start-up und 2023 von dem US-Unternehmen Quest Diagnostics gekauft, entwickelt ein Verfahren, mit dem sich kleinste genetische Spuren von Tumor-DNA im Blut nachweisen lassen. Solche sogenannten „Liquid Biopsies“ können künftig helfen, Rückfälle früh zu erkennen und Behandlungen gezielter einzusetzen.
Von Gentechnik bis KI
Unternehmen wie Provirex wiederum setzen am genetischen Ursprung einer Erkrankung an. Die im Start-up Labs tätige Firma arbeitet an einem Verfahren zur Heilung von HIV. Die Idee: Mithilfe einer „Genschere“ soll das Erbgut des HI-Virus aus infizierten Zellen „herausgeschnitten“ werden. Bewährt sich der Ansatz, könnte er die Therapie grundlegend ändern – mit der Perspektive, das Virus tatsächlich dauerhaft zu entfernen.
Einen interessanten Ansatz verfolgt auch das Start-up Mo:re. Es entwickelt eine Plattform, mit der sich dreidimensionale Gewebemodelle aus menschlichen Zellen („Organoide“) standardisiert herstellen und automatisiert auswerten lassen. An diesen Miniaturmodellen können Medikamente genauer und schneller getestet werden – perspektivisch sogar mit weniger Tierversuchen oder ganz ohne diese.
Innovation entsteht zudem an Schnittstellen von Medizin und Physik. Das Unternehmen Axiom Insights, ein Spin-off des Deutschen Elektronen-Synchrotrons DESY, nutzt moderne Bildgebungsverfahren, um nachvollziehen zu können, wie sich Medikamente im Körper verteilen. Solche Erkenntnisse können helfen, Dosierungen zu optimieren, Nebenwirkungen zu reduzieren und Entwicklungsprozesse effizienter zu gestalten.
Auch die großen Player in Hamburg treiben Innovationen voran. Olympus entwickelt etwa robotergestützte Technologien für minimalinvasive Verfahren und KI-gestützte Lösungen für die medizinische Bildgebung. Philips arbeitet an neuen IT-Lösungen für Kliniken. Diese Vielfalt zeigt: In Hamburg ist einiges in Bewegung. Zugleich sehen Beteiligte noch Potenzial beim Transfer von der Forschung in die Praxis. Gute Ideen entfalten sich erst, wenn sie weiterentwickelt und finanziert werden.
„Hamburg wird nicht auf allen Feldern international mithalten können“, sagt Oliver Schacht. „Im Bereich der personalisierten Medizin könnte die Stadt aber eine sichtbare Rolle spielen.“ Dafür müssten Kräfte gebündelt, die Finanzierung gesichert, das Thema politisch stärker priorisiert werden. „Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wäre es, dass wir mutiger, optimistischer und zukunftsbejahender nach vorne gehen, unsere Erfolge sichtbar machen. Dann entsteht eine Dynamik, die das trägt. Nichts zieht Erfolg mehr an als Erfolg.“
LIFE SCIENCES Erst im Zusammenspiel mit den richtigen Partnern findet eine gute Idee den Weg in die Anwendung. Hier ein Überblick über die zentralen Akteure des Hamburger Innovations-Ökosystems im Gesundheitsbereich.
WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Sie schaffen Grundlagen für medizinische Innovationen: Deutsches Elektronen-Synchrotron (DESY, Forschungszentrum für Teilchen- und Photonenforschung); Universität Hamburg (Grundlagenforschung und Lehre); Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE, klinische Forschung und Translation)
TRANSFER, GRÜNDUNG, INFRASTRUKTUR Sie bringen Forschung in Anwendung: Hamburg Innovation (zentrale Wissens- und Technologietransfergesellschaft der Hochschulen); MediGate GmbH (Transfergesellschaft des UKE); Start-up Labs Hamburg (bietet Gründungsförderung und Inkubation); tecHHub Hamburg (stellt Start-ups aus dem Life-Science-Bereich Büro- und Laborflächen bereit)
STRUKTUR UND STANDORTENTWICKLUNG Sie vernetzen Akteure und stärken den Standort: Hamburg Invest (Wirtschaftsförderung und Ansiedlung); Innovationspark Altona (bietet Flächen für forschungsnahe Unternehmen); Life Science Nord (Branchencluster und Vernetzung); Science City Hamburg-Bahrenfeld (Quartiersentwicklung für die Wissenschaft)
FINANZIERUNG Sie sichern Kapital für Innovation und Wachstum: IFB Hamburg (öffentliche Förder- und Finanzierungsinstrumente); Impossible Founders (Frühphasen-Wagniskapital für technologieorientierte Start-ups/„Deep Tech“)
INDUSTRIE Sie entwickeln marktfähige Produkte und Anwendungen: Unternehmen und Start-ups, darunter Konzerne wie Evotec, Eppendorf, Olympus und Philips, aber auch Start-ups wie Axiom Insights, CrystalsFirst, Haystack Oncology, Indivumed, mo:re Science, Provirex und andere.
