Veränderungen unterlegen

Der Arbeitsmarkt hat sich gewandelt. Aus dem Nachfrage- ist ein Angebotsmarkt geworden – und immer mehr Unternehmen melden Personalmangel, einige sogar die Insolvenz. Aber es gibt Wege aus der Krise.
Cornelia Theis
Der „Marktplatz der Begegnungen“ bringt Unternehmen und Zugewanderte zusammen.

Von Stefanie Gotthardt, 4. Dezember 2023 (HW 6/2023)

Etwa 17,5 Milliarden Euro betrug der Vorsteuergewinn im Jahr 2022, für 2023 wird der dritthöchste operative Gewinn der Firmengeschichte erwartet: Hapag-Lloyd ist ein international agierendes Unternehmen, das weltweit mehr als 13 800 Mitarbeitende beschäftigt, darunter 198 Auszubildende. Bei diesen Angaben scheint der unternehmerische Erfolg gewiss. Doch spürt auch ein Konzern wie die Hamburger Reederei den Arbeitskräftemangel und steuert gegen. „Die Zeiten haben sich geändert“, sagt Hapag-Lloyd-Kommunikationsleiter Nils Haupt. „Wir wählen nicht mehr aus einem großen Bewerberpool aus, einige vakante Stellen bleiben mitunter auch kurzfristig unbesetzt.“

Um den Personalbestand nachhaltig zu sichern, setzt das Unternehmen unter anderem auf eine firmeneigene Karriereschmiede, die „Hapag-Lloyd-Academy“. Jährlich bis zu 1000 Mitarbeitende sollen in dem kürzlich dafür erworbenen Gebäude am Ballindamm, an dem auch die Firmenzentrale residiert, geschult und fit gemacht werden für die digitale Transformation. Hierfür investiert Hapag-Lloyd einen zweistelligen Millionenbetrag.

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SocialNatives GmbH
SocialNatives-Geschäftsführer Viet Pham Tuan (li.) und Norbert Nagy

Die heutigen Herausforderungen am Arbeits- und Ausbildungsmarkt sind ein Thema des Handelskammer-Ausschusses „Gesellschaftliche Verantwortung“, dem auch Nils Haupt angehört. Im Sommer 2023 etwa diskutierte das Gremium gemeinsam mit Arbeitsagentur-Chef Sönke Fock und weiteren Vertreterinnen und Vertretern aus dem Ehrenamt der Handelskammer die Arbeitsanforderungen der sogenannten „Generation Z“. Die von 1995 bis 2010 Geborenen werden zuweilen als faul, undankbar und unrealistisch beschrieben. Andere sagen, sie seien eine Chance.

Authentische Präsenz

„Die Generation Z fordert Offenheit, Flexibilität und Entwicklungsmöglichkeiten. Potenzielle Arbeitgeber sollten klar kommunizieren, was sie ihren Mitarbeitern bieten und warum es sich lohnt, gerade für ihr Unternehmen zu arbeiten“, fasst Norbert Nagy ein Ergebnis der Diskussion zusammen. Der Geschäftsführer der SocialNatives GmbH hatte als Gast an der offenen Ausschusssitzung teilgenommen.

Nagy – Jahrgang 1998 und damit selbst der Generation Z zugehörig – hilft mit seinem Unternehmen anderen, durch gezieltes Personalmarketing Mitarbeitende zu finden. „Die junge Generation ist durch Digitalisierung und soziale Medien geprägt. Hier müssen Unternehmen authentisch präsent sein“, sagt er – und ergänzt: „Social Recruiting ist eine Lösung gegen den Fachkräftemangel.“ Die Frage nach der Sinnhaftigkeit im Beruf, die auch die jungen Berufseinsteigerinnen und -einsteiger umtreibt, greift der Ausschuss „Gesellschaftliche Verantwortung“ auch im kommenden Jahr weiter auf.

Unternehmen bewerben sich

Bei der Suche nach qualifiziertem Personal wechseln Unternehmen die Perspektive und nehmen die Bewerberrolle ein, sprich: Sie bewerben sich um Arbeitsleistung junger Talente. Personalverantwortliche investieren zudem Zeit und Geld für das Anwerben von internationalen Fach- und Arbeitskräften. Diese Option der Personalgewinnung nutzen bislang vornehmlich größere Firmen. Bedingt durch den zunehmenden Arbeitskräftemangel, der laut aktuellem Handelskammer-Konjunkturbericht immer mehr Branchen betrifft, wird der internationale Blick nun aber auch für Mittelständler attraktiver. Dazu beigetragen haben nicht zuletzt ein größeres Dienstleistungsangebot und vereinfachte rechtliche Rahmenbedingungen (Novellierung des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes).

Personalsuche in Übersee

Genau hier setzt die Handelskammer an. 2023 hat sie gemeinsam mit der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) und der Auslandshandelskammer (AHK) Zentralasien ein Pilotprojekt mit Auszubildenden aus Usbekistan gestartet. Ziel ist es, junge Menschen aus diesem Land für das Ausbildungsjahr 2024/2025 zu gewinnen. Der Fokus liegt auf den Ausbildungsberufen „Fachkräfte für Metalltechnik“, „Industrieelektriker“, „Industriemechaniker“, „Elektroniker für Betriebstechnik“ und „Maschinen- und Anlagenführer“.

Ende 2022 hat die Handelskammer ihre Fachkräftestrategie „Menschen, Potenziale, Zukunft“ im Rahmen der Standortstrategie „Hamburg 2040“ als Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit der Fachkräftesituation am Standort Hamburg samt Lösungsansätzen vorgestellt. Mehr zum Thema erfahren Sie hier.

Ferner ist das Projekt „Hand in Hand for International Talents“ zu benennen, an dem die Handelskammer sowie weitere Industrie- und Handelskammern, AHKs sowie die Bundesagentur für Arbeit beteiligt sind. Zielländer hier sind Brasilien, Indien und Vietnam. Für 2024 plant die Handelskammer eine weitere Informationsveranstaltung zum Fachkräfteeinwanderungsgesetz, bei der – ähnlich wie bei der Erstveranstaltung Ende 2022 – Unternehmen ihre Erfahrungen teilen und das Hamburg Welcome Center seine Angebote vorstellt.

Marktplatz der Begegnungen

Zum potenziellen Bewerberkreis zählen auch erwerbsfähige Menschen, die bereits in Hamburg leben und über (erste) Deutschkenntnisse verfügen. Die deutsche Sprache ist für viele Firmen essenziell. Weil die Aufgaben zum Beispiel ein Verständnis für Gesetze (Versicherungen) oder eine klare Verständigung mit Patientinnen und Patienten oder Schutzbefohlenen (Pflege- und Kindereinrichtungen) erfordern. Oder weil Sprache ganz einfach der Schlüssel zur Integration ist – im Betrieb und in der Gesellschaft.

Einige Betriebe haben den Integrationsgedanken bereits fest bei sich verankert und arbeiten beispielsweise mit Patenschaften, indem sie jemanden aus der Belegschaft an die Seite der neuen Mitarbeitenden stellen. Diese Art der Begleitung ist eine lohnende Investition, da sie das Miteinander stärkt, den Menschen in den Mittelpunkt stellt, ihn wertschätzt.

Mit dem „Marktplatz der Begegnungen“ hat die Handelskammer eine erfolgreiche Veranstaltungsreihe etabliert, die Unternehmen und arbeitssuchende Menschen mit Migrationshintergrund und ersten Deutschkenntnissen zusammenbringt. Andrej „Arne“ Vogler, Head of People Management der format h digital GmbH, schwärmt: „Für uns war die Teilnahme am ‚Marktplatz der Begegnungen‘ ein echter Erfolg, denn wir konnten neben vielen interessanten Gesprächen mit spannenden Kandidaten eine Auszubildende für unser Unternehmen gewinnen.“

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