Eine Branche auf dem Prüfstand

Hamburgs Gesundheitswirtschaft gilt als „Motor für Wertschöpfung und Beschäftigung“. Damit dieser nicht ins Stottern gerät, benennt die Handelskammer wichtige Handlungsfelder.
Pure Freude: Nach bestandener Anerkennungsprüfung sind die internationalen Fachkräfte im BG Klinikum Boberg deutschen Pflegekräften gleichgestellt.
BG Klinikum Hamburg gGmbH
Pure Freude: Nach bestandener Anerkennungsprüfung sind die internationalen Fachkräfte im BG Klinikum Boberg deutschen Pflegekräften gleichgestellt.
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Von Undine Gerullis, 2. April 2026 (HW 2/2026)

Berufliche Entwicklungsmöglichkeiten, moderne medizinische Strukturen und klare Qualitätsstandards waren die Hauptgründe, die Pedro Pardal vor vier Jahren dazu bewogen haben, seiner portugiesischen Heimat den Rücken zu kehren und als Pflegefachkraft in Deutschland Karriere zu machen. Genau das ist dem 29-Jährigen am BG Klinikum Boberg gelungen: Pardal ist Praxisanleiter mit Führungsverantwortung.

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André Schulte, CEO Weinmann Emergency

Der junge Portugiese ist einer der ersten, der am Pilotprojekt der Klinik zur schnelleren Integration von internationalen Pflegefachkräften teilnahm. „Es geht dabei nicht nur um eine schnelle, sondern auch um eine qualitative und individuelle Integration“, sagt Kliniksprecher Malte Wittmershaus.

Verschiedene Maßnahmen – vom Sprachkurs über Hilfe bei der Wohnungssuche bis hin zum Vernetzungstreffen nach Feierabend – helfen dabei. 145 internationale Pflegefachkräfte konnte das Krankenhaus mit dem Programm erfolgreich gewinnen und ist derzeit in der glücklichen Lage, dass „alle Soll-Stellen in der Pflege besetzt sind“.

Ein Hoffnungsschimmer und Vorzeigeprojekt in Zeiten, in denen Pflegekräfte allerorten rar sind und in Zukunft wohl noch rarer werden. Rund 37 700 Fachkräfte werden bis 2030 in Hamburgs Gesundheitswirtschaft fehlen, prognostiziert eine von der Sozialbehörde in Auftrag gegebene Studie aus dem Jahr 2021.

Der Fachkräftemangel kann zur größten Wachstumsbremse in einer Branche werden, die derzeit als „Motor für Wertschöpfung und Beschäftigung“ gilt, warnt die Handelskammer daher in ihrem neuen Standortstrategiepapier „Gesundheitsstandort Hamburg 2040“ (pdf). Sie identifiziert darin sechs wichtige Handlungsfelder – die Fachkräftesicherung ist eines. Die Kammer fordert eine Fachkräftestrategie, die auf Qualifizierung, Attraktivitätssteigerung und gezielte und unbürokratische Zuwanderung setzt.

Denn nur so könne der starke Motor der Gesundheitswirtschaft am Laufen gehalten werden. Mit einem jährlichen Wachstum der Bruttowertschöpfung, das laut Studie von 2012 bis 2021 im Durchschnitt 4,7 Prozent betrug, und 194 000 Beschäftigten (2024, Tendenz steigend) schneidet die Gesundheitswirtschaft besser ab als die Hamburger Wirtschaft insgesamt (durchschnittlich 3,1 Prozent Wertschöpfungswachstum im selben Zeitraum).

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BG Klinikum Hamburg gGmbH
Pedro da Silva Pardal, Praxisanleiter am BG Klinikum Boberg

Ein weiteres wichtiges Handlungsfeld ist die Stärkung der industriellen Gesundheitswirtschaft, eine von drei Säulen der Branche. Denn die steht aktuell vor massiven regulatorischen Herausforderungen, die zu viele Kapazitäten binden und somit Innovationen verhindern.

„Bis zu sieben Jahre dauert die Zulassung neuer Produkte in Europa. Viel zu lange, viel zu teuer“, sagt André Schulte, CEO von Weinmann Emergency, einem Hamburger Hersteller für Notfallmedizinprodukte. Als „innovationsfeindlich“ bezeichnet die Kammer die strikten Regulierungen und fordert einen „radikalen Abbau bürokratischer Hemmnisse“ sowie einen „leichteren Zugang zu internationalen Märkten“.

Krisenfest Die Gesundheitswirtschaft ist ein essenzieller Bestandteil der kritischen Infrastruktur und von entscheidender Bedeutung im kriegerischen Ernstfall. Dann würde Hamburg laut dem „Operationsplan Deutschland“, dem größtenteils geheimen gesamtstaatlichen Verteidigungskonzept, mit seinem wichtigen Hafen zur Drehscheibe der Truppen- und Verwundetentransporte der Nato, deren medizinische Versorgung die Krankenhäuser übernehmen müssten. Das Bundeswehrkrankenhaus kann diese Aufgabe nicht übernehmen, da dessen medizinisches Personal an der Front im Einsatz wäre. Die Handelskammer fordert mit Blick auf die Politik, die Resilienz der Gesundheitswirtschaft zu stärken und sie vermehrt vor Cyberangriffen als Teil der hybriden Kriegsführung zu schützen.

„Zur operativen Hürde“ wird laut Dr. Malte Heyne, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer, für manche Betriebe auch die unterschiedliche Kompetenzaufteilung auf EU, Bund, Länder und Behörden. In Hamburg sind allein drei Behörden für Belange der Gesundheitswirtschaft eingebunden. Heyne fordert daher „eine Bündelung der Kompetenzen und eine enge verzahnte Abstimmung“.

Auch forciert die Handelskammer eine stärkere „norddeutsche Zusammenarbeit“ – sowohl bei der Harmonisierung von Förderprogrammen als auch bei der Krankenhausplanung, da Patienten nicht vor Landesgrenzen Halt machen und schon jetzt ein Drittel der Behandelten von außerhalb kommt.

Zudem braucht es für die Sicherung und Weiterentwicklung einer „zukunftsfähigen und leistungsfähigen Gesundheitsversorgung“ eine „Investitionsoffensive für Infrastruktur, Digitalisierung und Resilienz“ – gerade, weil die finanzielle Situation der Krankenhäuser aktuell mehr als angespannt ist.

Für die größte Entlastung des Gesundheitssystems aber sorgt langfristig eine „ganzheitliche Prävention“, mit der früh in Kita und Co. begonnen werden soll. Ebenso essenziell ist ein „niederschwelliger und flächendeckender Zugang zu Sportangeboten“, so die Kammer. Für einen großen Motivationsschub beim Thema Bewegung könnte die Bewerbung Hamburgs für die Olympischen und Paraolympischen Spiele sorgen und in Summe dazu beitragen, dass Hamburg – so die Vision der Handelskammer – „2040 gesündeste Stadt Deutschlands“ ist.


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