Was hat die Elphi mit Kaffee zu tun? Klar, auch dort wird der edle Tropfen ausgeschenkt – und vielleicht erklingt dort auch einmal Bachs berühmte „Kaffeekantate“ von 1734, in der ein gewisser Herr Schlendrian seiner Tochter den Bohnengenuss austreiben will.
Vor allem aber steht die Elbphilharmonie buchstäblich auf einem einstigen Kaffeespeicher: dem bis 1990 genutzten „Kaispeicher A“. 2019 feierte der Deutsche Kaffeeverband sein 50. Jubiläum denn auch stilgerecht im Großen Saal des Konzerthauses, und Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher rühmte Hamburg als „wichtigste Drehscheibe für den Kaffeehandel in Europa“.
Bis zur Kaffeemetropole Hamburg war es allerdings ein weiter Weg. An der Trostbrücke entstand zwar 1677 das zweite Kaffeehaus in deutschen Landen, bis in die 1770er-Jahre hinein war die Stadt aber vorwiegend ein Umschlagplatz für Rohrzucker.
In den 1730ern machte dieser wertmäßig rund ein Drittel aller zollpflichtigen seewärtigen Einfuhren aus, Kaffeebohnen nur knapp 6 Prozent. Doch der Anbau in den französischen Plantagen und der europäische Kaffeekonsum wuchsen stetig – wie auch Hamburgs Rolle als Transit-Hub.
In den 1780ern bestritt Rohkaffee schon gut ein Viertel des Wertes der verzollten Importe. Ein Großteil der Überseeeinfuhren lief dabei über Frankreich; das Hamburger Geschäft dominierten hugenottische Unternehmer wie Pierre Boué (mit eigener Werft auf dem Grasbrook) und Pierre His (in den 1750er-Jahren der größte hamburgische Zuckerimporteur).
Statistiken Wie viel Zucker, Kaffee, Tabak & Co. hat Hamburg einst importiert? Auskunft zu 1733 bis 1798 geben die „Admiralitäts- und Convoygeld-Einnahmebücher“, die aber nur zollpflichtige Einfuhren aus Orten westlich der Schelde verzeichnen, kein Transitgut. Über die Jahre von 1845 bis 1911 informieren die „Tabellarischen Übersichten des Hamburger Handels“, über die Jahre von 1856 bis 1913 auch die Jahresbücher der Handelskammer.
Mit dem Sklavenaufstand auf Saint-Domingue (heute Haiti) entfiel 1791 eine zentrale Quelle für Zucker und Kaffee; die Handelswege verlagerten sich insbesondere zu den britischen „West Indies“. Ab 1795 übernahm Hamburg zudem zeitweilig die Rolle des französisch besetzten Amsterdams als Finanzzentrum und im Überseehandel.
Der Wert der über England und die USA nach Hamburg verschifften Waren nahm rasant zu. Von 1794 bis 1798 stieg er allein für Kaffee von etwa 700 000 auf fast 16 Millionen Mark Banko. In der Hoffnung auf weiter steigende Preise orderten die Kaufleute immer höhere Mengen auf Kredit – bis der Markt überhitzte und die Blase platzte.
Schon im Herbst 1798 kam es zu Liquiditätsproblemen, auch weil Ware in London wegen des frühen Winters feststeckte. Als der Schiffskonvoi im Frühjahr 1799 im Hafen eintraf und den Markt mit Kaffee, Zucker und Tabak überschwemmte, stürzten die Preise. Da zudem der Markt in Süddeutschland versperrt war, konnten schon bald die – zuvor immer wieder gestreckten – Kredite und Wechsel nicht mehr bedient werden, immer schneller folgten Insolvenzen.
„Am Freitage fallierte ein Haus mit 1,400,000, heute eins mit 1,800,000, ein anderes mit 700,000 und ein drittes mit 380,000 Mark Banko“, notierte die „Allgemeine Zeitung“ am 28. September 1799. Allein bis November fielen der „Hamburger Spekulationskrise“ mehr als 50 Häuser mit insgesamt 36 Millionen Mark Banko zum Opfer.
Nach Krieg, Elbblockade und Besatzung nahm der Direkthandel mit Übersee ab den 1820ern wieder zu. Eisenbahnen, Dampfschifffahrt und Telegrafie globalisierten das Geschäft; zwischen 1845 und 1902 stiegen die Hamburger Rohkaffee-Einfuhren von 31 900 auf 217 200 Tonnen. Immer mehr Firmen waren am Handel beteiligt: Reedereien wie die HAPAG (ab 1847), Makler, Banken, Versicherer und ab den 1890er-Jahren auch Großröstereien traten neben die Kaffee-Großhändler, die sich 1886 als Kaffee-Verein organisierten.
Auf Initiative des Vereins entstand 1887 die Kaffeebörse, an der nur Vereinsmitglieder handeln durften – und zwar erstmals in Hamburg auch mit Terminkontrakten, „weil Havre in Folge des dortigen Terminhandels unseren Platz als Kaffeemarkt zu überflügeln drohte“, so die Handelskammer. Die Branche sicherte damit preisliche Risiken ab und strich nebenbei Spekulationsgewinne ein.
Verband Der Deutsche Kaffeeverband e. V. vertritt die Interessen der Branche – von Kaffeehändlern und -maklern über Röstereien, Maschinenhersteller und Logistiker bis hin zu Laboren und Nachhaltigkeitsorganisationen. Er entstand 1969 als Zusammenschluss des „Vereins der am Caffeehandel betheiligten Firmen“ (von 1886), des „Vereins der Hamburger Caffeeimport-Agenten und -Makler“ (von 1888) und des „Vereins der Kaffee-Grossröster und -Importeure“.
Allein 1888 gab es Kontrakte auf rund 990 000 Tonnen Rohkaffee, 233 Prozent der Welternte von 1888/89. Eine „Waaren-Liquidations-Kasse“ übernahm deren Verwaltung und garantierte die Erfüllung der Verbindlichkeiten. So lässt sich „unsolide Spekulation fernhalten“, hoffte damals die Handelskammer.
Kaffee war auch der Hauptlagerartikel in der 1888 eröffneten Speicherstadt im Freihafen, wo die Branche sich bald am östlichen Sandtorkai ballte. Die neuen Speicher waren direkt per Schiff erreichbar – und boten Finanzierungsvorteile, betonte die Kammer.
Sie ermöglichten, „dass grössere Waarenpöste unter Verschluss der Lagerhaus-Gesellschaft deponirt und mit absoluter Sicherheit von Kapitalisten und Banken beliehen werden können“.
1898 entfielen rund 38 Prozent der europäischen Kaffee-Einfuhren auf Hamburg. Die Stadt war neben New York der weltgrößte Importhafen für Brasilien-Kaffee; diesen lieferten HAPAG und Hamburg-Süd. Edlerer Kaffee kam vor allem aus Guatemala, wo Hamburger Händler von 1889 bis 1897 allein fünf große Plantagengesellschaften gründeten – und der US-Konsul alsbald vor „teutonischem Einfluss“ warnte.
Im Ersten Weltkrieg brach der Kaffeeimport zusammen. Am 30. Juli 1914 schloss die Kaffeebörse; im September verbot London die traditionelle Abwicklung der Geschäfte über britische Banken.
Kaffee kam erst noch über Schweden und die Niederlande, doch diese untersagten die Ausfuhr ab März 1917. Man gewöhnte sich an Muckefuck, die Händler mussten staatliche Interventionen und später die Kriegsfolgen samt Inflation bewältigen.
Erst 1924 erholte sich der Import, die Stadt baute ihre Stellung im Zwischenhandel sogar aus. Überproduktionskrise, Börsencrash (1929) und Bankenkrise (1931) bedrohten den Handel. Letztlich ließ sich die Lage aber stabilisieren – auch dank der Vernichtung von Millionen von Kaffeesäcken in den 1930ern in Brasilien.
Unter den Nazis wurde der Kaffeehandel durch Devisenkontingentierung erschwert; ab Juni 1934 erteilte man Einfuhrerlaubnisse zudem nur im Gegenwert deutscher Lieferungen ins jeweilige Land. Da Brasilien sich darauf einließ, lief das Geschäft jedoch weiter – und kam erst mit Beginn des Zweiten Weltkriegs zum Erliegen.
Buchtipps Über den Kaffeehandel im Kaiserreich berichtet Julia Laura Rischbieter: „Mikro-Ökonomie der Globalisierung“, 2011. Die Finanzkrisen des 18. Jahrhunderts beschreibt Margrit Schulte Beerbühl: „Auf dem Weg in die Moderne“, 2023. Ein Porträt der Hamburger Kaffeeimporteure im 20. Jahrhundert gibt Dorothee Wierling, „Mit Rohkaffee handeln“, 2018.
Ab den 1950ern nahm der Kaffeehandel dann wieder kräftig Fahrt auf. Heute werden in Hamburg geschätzt 700 000 Tonnen Kaffee jährlich umgeschlagen; 2024 wurden 479 100 Tonnen eingeführt. Und hier sitzen auch einige der größten Player der Branche. Etwa die Neumann Kaffee Gruppe, die alle Teile der Lieferkette abdeckt, und der Tchibo-Konzern, der sein Produktsortiment bekannterweise über Kaffee hinaus ausgeweitet hat.
Oder auch J.J. Darboven, deren Gründer Johann Joachim Darboven 1866 erfolgreich eine neue Vermarktungsform erprobte: Als Erster verschickte er geröstete Kaffeebohnen per Post, 1869 bereits 144 Sorten. Ab 1927 verkaufte die Firma besonders verträglichen Kaffee („IDEE“) nach einem patentierten Verfahren – und setzt schon seit 1993 auf FairTrade.
Doch zur Kaffeestadt Hamburg gehören auch die vielen kleinen Kaffeeröstereien, die sich auf edle Sorten spezialisiert haben, die Cafés, Restaurants – und alle, die Kaffee befördern, vermarkten oder kontrollieren. Hamburg ist und bleibt Kaffeestadt – und wie sang doch Liesgen in der „Kaffeekantate“: „Ei wie schmeckt der Kaffee süße, lieblicher als 1000 Küsse“.
Kaffeekonsum Kaffee war lange Zeit ein Getränk der Oberschicht, wurde mit der Industrialisierung aber breiteren Kreisen zugänglich. Der Pro-Kopf-Jahreskonsum in Deutschland stieg zwischen 1840 und 1900 Schätzungen zufolge von 1,01 auf 2,69 Kilo. Zahlreiche Firmen boten ihren Mitarbeitenden Kaffee an, wie auch die Handelskammer 1887 anmerkte: „Ist es doch allgemein anerkannt, dass es kein gesünderes, die Arbeitskraft stärkendes Getränk giebt als Caffee, und gehen die Bestrebungen sowol der Regierungen als auch der Privaten dahin, dem unheilvollen Schnapsgenuss durch Anlage von Caffeeküchen entgegen zu arbeiten.“
