Hamburg hat sieben Bezirke, die sich – wenig überraschend – um die Stadtmitte herum gruppieren. Dass Harburg der letzte Bezirk ist, sieht Christian Carstensen positiver, als es klingt: „Und heute sind wir sogar die Nummer zwei“, sagte der Bezirksamtsleiter an einem traumhaft schönen Frühlingstag in traumhaft schöner Kulisse.
Nach dem Auftakt in Altona im Juli vergangenen Jahres machte die Handelskammer auf ihrer Rundreise durch Hamburgs Wirtschaftsräume nun im Speicher am Kaufhauskanal Halt. Und dort wurde unter dem 199 Jahre alten Gebälk deutlich: Harburg muss sich hinter den ersten sechs Bezirken keinesfalls verstecken.
Das weiß auch Dr. Malte Heyne. „Hamburg ist Deutschlands größter Industriestandort“, so der Handelskammer-Hauptgeschäftsführer beim Abschlusspanel. „Und Harburg ist ein wichtiger Faktor.“ Warum genau, wurde gestern Nachmittag deutlich. Zahlreiche Gäste aus Politik und Verwaltung, Gewerbe und Bildung, Kultur und Gesellschaft folgten „Handelskammer on tour“ zwischen Betonbrutalismus und windschiefem Fachwerk, um über das Zukunftstrio „Innovation, Standortentwicklung, Resilienz“ zu diskutieren.
Ganz nach dem Motto ihrer Standortinitiative „Hamburg 2040: Wie wollen wir künftig leben – und wovon?“, nimmt die Handelskammer gerade den Nachwuchs ins Visier. Gründende wie beispielsweise Wienke Reynolds (Lignopure) und Jan Henri Kalinowski (ChefTreff).
Im Panel „Erfolgreiche Start-ups geben Tipps und Wissen“ teilten diese die Schlüssel ihres persönlichen Erfolges. „Du musst nicht der Beste sein, aber anpassungsfähig, flexibel und neugierig“, riet etwa Jan Henri Kalinowski, CEO des bundesweit führenden Vernetzungsportals, seiner Alterskohorte um die 30.
Weil das grundsätzlich nicht einfach ist, empfahl Kalinowski dem Publikum noch Durchhaltevermögen. „Aufgeben ist keine Option.“, forderte Wienke Reynolds zu seiner Rechten. Ihr Tipp: „Learning by doing, aber die Hausaufgaben machen.“ Abseits vom wirtschaftsethischen Faktor „Purpose“ rät sie jedoch ebenso dringend zur aufgeschlossenen Nutzung moderner Technik.
Ihr Harburger Biotech-Unternehmen veredelt Nebenprodukte der Holzverarbeitung in fossile Ersatzstoffe. Um wie Lignopure buchstäblich nachhaltigen Erfolg zu haben, rät Reynolds zur Künstlichen Intelligenz als Standardwerkzeug – von der Strategie über das Marketing bis hin zum Herstellungsprozess.
Nur so, da sind sich Kalinowski und Reynolds einig, könne Hamburg den Marktführern München und Berlin das Wasser reichen. Im Zeichen der Krisen, der Kriege und der Standortkonkurrenz lauten die Zauberworte nördlich wie südlich der Elbe Transformation, Netzwerk, Wissenschaft und Nachhaltigkeit – am besten in Kombination.
Wenn Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Kultur aufeinandertreffen und über die Zukunft eines ganzen Bezirkes sprechen, dann ist das mehr als ein Netzwerktreffen, sondern „Handelskammer on tour“. Unter diesem Motto machte die Rundreise nach dem Auftakt 2025 in Altona jetzt Halt in Harburg. Mit dabei unter anderem Ex-Bahnchef Prof. Dr. Rüdiger Grube, TU-Vize Prof. Dr. Irina Smirnova, Handelskammer-Vizepräses Kathrin Haug, Arnold Mergel, Geschäftsführer HOBUM Oleochemicals.
Ein gutes Beispiel dafür versammelte sich anschließend im alten Getreidesilo. Aus Ralf Grotes exzellenter, in Harburg ansässiger Technischen Universität Hamburg (TUHH) hervorgegangen, hat sich Tyll Uteschs Start-up COLIPI mit dem Gummihersteller Continental verbündet, um aus dessen CO2-Emissionen klimaneutrales Öl herzustellen.
„So sieht zukunftstaugliche Innovation aus“, lobte Werkleiter Dirk Stuhrmann das Verschmelzen dreier Welten in Harburg. Und dafür, das untermalte Prof. Norbert Aust am Abend mit einer Anekdote, dürfe auch die Weltstadt des Understatements gelegentlich groß denken.
Nach der Wahl zum Handelskammer-Präses vor sechs Jahren wollte Aust sich in Harburg vorstellen. Doch da die Distanzregeln der Corona-Pandemie volle Pkw seinerzeit verboten hatte, fuhr das dreiköpfige Team im roten Doppeldeckerbus zum siebten Bezirk. „Das war mir fast peinlich“, erinnerte sich der Präses lachend.
Aber es hinterließ Eindruck. Bei Franziska Wedemann etwa. Denn die Geschäftsführende Gesellschafterin der WIK Wedemann Immobilienkontor GmbH & Co KG und Vorsitzende des „Wirtschaftsvereins für den Hamburger Süden“ empfand den Bus-Auftritt als absolut angemessen.
„Wir bewahren hier ja nicht die Asche“, sagte sie gestern über Hamburgs jüngstes Stadtviertel. „Wir geben das Feuer weiter Und vor allem betrachten wir den Standort aus Sicht der Unternehmen.“
Nur so, darüber herrschte im Speicher am Kaufhauskanal bei Drinks und Snacks auch an den Infoständen von InnovationsKontaktStelle (IKS) über Gründungsberatung, HKBiS und Commerzbibliothek bis hin zum Innovations- und Patent-Centrum (IPC) Konsens, sei Harburg für 2040 gerüstet.
Bevor der „eingeborene“ Schriftsteller und Schauspieler Heinz Strunk den Abend abrundete, bat ein Zugezogener folglich um mehr Selbstbewusstsein. „Man muss Glück auch erkennen“, so TV-„Bergretter“ Sebastian Ströbel 20 Jahre nach seiner „Einwanderung“ aus Bayern. Deshalb sollte man es „in die Köpfe der Leute hier bekommen, wie geil unser Bezirk ist“. Egal, ob Nummer sieben oder Nummer zwei.
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1938 eingemeindet, vereinen Harburgs 17 Stadtteile wie kein anderer Bezirk Industrie mit Natur, Wissenschaft mit Gewerbe, Landwirtschaft mit Urbanität. Auf 125,4 Quadratkilometern entstand vom Innovationspark Harburg über Technische Universität und Fraunhofer-Center bis hin zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt ein beispielloses Biotop kreativer Start-ups.
