Neue Wege in die Welt

Hamburgs Ausfuhren nach Asien gingen zuletzt wieder zurück, während der US-Handel zulegte. Doch generell orientiert sich der Außenhandel neu – und hofft auf weitere Freihandelsverträge.
Rund 8,3 Millionen Standard-Container (TEU) wurden 2025 im Hamburger Hafen umgeschlagen – ein Plus von 7,3 Prozent.
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Rund 8,3 Millionen Standard-Container (TEU) wurden 2025 im Hamburger Hafen umgeschlagen – ein Plus von 7,3 Prozent.
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Von Claudia Behrend und Felix Schoen, 25. September 2026

Einst galt Hamburg als „Brauhaus der Hanse“, im Jahr 1540 zählte die Stadt allein 527 Brauereien. Neben Getreide und Holz war das dort erzeugte Fassbier jahrhundertelang eine der Hauptexportwaren der Elbstadt; es ging in die Niederlande, nach Frankreich, England, Dänemark und bis nach Island.

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Kati Jurischka
Dr. Doris Hillger, Leiterin der Handelskammer-Abteilung „Internationale Märkte und Außenwirtschaftsförderung“

Doch mit den Zeiten ändern sich Produktion, Handelsgüter und -wege. Heute dominieren bei Weitem Luftfahrzeuge den Hamburger Exportmarkt: Mit 24,82 Milliarden (Mrd.) Euro betrug ihr Wertanteil 2025 rund 43 Prozent an den hiesigen Ausfuhren – ein Beleg für die Bedeutung von Airbus, zum Teil aber sicher auch eine Folge der „Flugzeugrotation“ zwischen Hamburg und Toulouse.

In der statistischen „Rangliste“ folgen Mineralölerzeugnisse (3,9 Mrd. Euro, siehe Seite 32) und Gold für gewerbliche Zwecke (3,7 Mrd. Euro): Konzerne wie Shell, HOLBORN Europa Raffinerie oder Aurubis tragen maßgeblich zur Hamburger Außenwirtschaft bei.

Rund 19 000 Unternehmen mit mehr als 170 000 Beschäftigten sind in der Hansestadt am Außenhandel beteiligt, schätzt die Handelskammer. Neben den zahlreichen Hafen- und Logistikbetrieben, die rund um den Warentransport aktiv sind, sitzt in der Industriestadt Hamburg zudem eine Fülle exportorientierter Unternehmen unterschiedlichster Branchen, darunter „Hidden Champions“ wie der Küchenroboter-Hersteller goodBytz oder der Chemie- und Kunststoffexperte LEHVOSS.

Von Hamburger Firmen erzeugte Waren im Gesamtwert von rund 56,76 Mrd. Euro gingen 2025 ins Ausland – so der Ausfuhrbericht von Statistik Nord, der nur in Hamburg produzierte oder hier wesentlich veränderte Waren verzeichnet. Im gleichen Zeitraum gelangten Güter im Wert von 76,6 Mrd. Euro in die Hansestadt – allerdings ohne unbedingt hier zu verbleiben. Denn die Einfuhrberichte von Statistik Nord erfassen sämtliche Waren, die aus dem Ausland nach Hamburg kommen – egal, wo sie am Ende landen.

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HPA
Im ersten Halbjahr 2026 verzeichnete der Hafen einen Umschlagrückgang – auch aufgrund von Modernisierungsarbeiten an Terminals.

„Dass die USA und China in der Importstatistik als wichtigste Handelspartner Hamburgs erscheinen, sagt nichts darüber aus, wie viele dieser Waren tatsächlich hier genutzt oder verarbeitet werden, aber viel über Hamburgs Funktion als Logistikdrehscheibe und die Abhängigkeit des Hamburger Logistiksektors von diesen Warenströmen“, erklärt Dr. Doris Hillger, Leiterin der Handelskammer-Abteilung „Internationale Märkte und Außenwirtschaftsförderung“.

Handel im Plus, Rückgang im Hafen

Wie entwickelt sich der Hamburger Außenhandel in den unruhigen heutigen Zeiten? Generell positiv, wenn man den Anfang September veröffentlichten Zahlen von Statistik Nord folgt: Der Export erhöhte sich im ersten Halbjahr 2026 um 9,3 Prozent auf 29,2 Mrd. Euro, mit einem besonders deutlichen Plus (315,1 Prozent) bei pharmazeutischen Produkten. Gleichzeitig nahm die Einfuhr nach Hamburg um 15 Prozent auf 43,8 Mrd. Euro zu, größtenteils wiederum dank Luftfahrzeugen.  

Etwas anders fallen die Zahlen der Hamburg Port Authority (HPA) aus. Diese ermittelt regelmäßig die Anzahl aller im Hafen umgeschlagenen Standardcontainer (TEU) und das Gewicht der sonstigen Güter – dokumentiert also die seeseitigen Umschlagvolumina und Hauptfahrgebiete, aber naturgemäß keine Einzelwaren und -werte.

Seit dem 1. Mai wird das Abkommen mit den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay vorläufig angewendet. Bolivien ist seit 2024 Mercosur-Vollmitglied, bleibt von den Zollvorteilen aber bisher ausgeschlossen. Das Abkommen senkt unter anderem die Zölle auf Agrarprodukte und alkoholische Getränke. Mit Indien ist das Abkommen ausgehandelt und wird derzeit rechtlich geprüft. In Kraft treten könnte es im Frühjahr 2027. Mit Thailand und den Philippinen laufen Verhandlungen.

Demnach ging der Gesamtumschlag im Hafen von Januar bis Juni um 3,1 Prozent auf 56,1 Millionen Tonnen zurück, der Containerumschlag sogar um 3,9 Prozent. Als Gründe nennt die HPA unter anderem rückläufige Importe von Mineralölprodukten aufgrund des Iran-Kriegs sowie Kapazitätseinschränkungen durch die Terminal-Modernisierungen der HHLA.

Tatsächlich fährt Hapag-Lloyd im AL4-Dienst (nach Miami und Mexiko) aktuell Bremerhaven statt Hamburg an, ab Mitte September wechselt auch die Reederei ONE im AL5-Dienst (Miami, Los Angeles) nach Bremerhaven. Weitere Umstellungen sind derzeit aber nicht geplant, erklärt Hapag-Lloyd auf Nachfrage: Das vorgesehene Investment in das EUROGATE Container Terminal Hamburg (CTH) zeige vielmehr die hohe Relevanz, die Hamburg für die Reederei besitze.

Absatzmärkte im Wandel

Die USA und China gehörten 2025 neben Frankreich zu den Hauptpartnerländern des Hamburger Außenhandels – doch die Gewichte verändern sich, wie Carsten Schryver beobachtet: „Seit geraumer Zeit nimmt der Asienanteil für alle unsere Gesellschaften zu“, unterstreicht der CEO des international tätigen Logistikdienstleisters Schryver.

So würden deutsche Hersteller heute Projekte im großen Stil an ihre Tochterfirmen oder Standorte in Asien untervergeben, Anlagen und Güter kämen eher aus Auslandsstandorten als aus Deutschland. Zugleich brächen die Ausfuhren in die USA in Volumen und Wert ein. „Die Produkte sind durch die Zölle und den starken Euro in den USA kaum mehr wettbewerbsfähig“, erklärt Schryver; nicht betroffen seien aber Branchen wie Energieinfrastruktur und Rechenzentren. Tatsächlich gingen die Exporte Hamburger Produkte nach Amerika 2025 um 55,2 Prozent auf 3,85 Mrd. Euro zurück (USA: minus 60,7 Prozent, von 5,6 auf 2,2 Mrd. Euro).

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Anja Paap
Carsten Schryver ist seit 2009 CEO des Hamburger Logistikunternehmens H.J. Schryver.

Die Ausfuhren nach Asien stiegen derweil um 18,3 Prozent; allein in die Volksrepublik China legten sie um 50,5 Prozent zu (von 3,2 auf 4,8 Mrd. Euro). Die Einfuhren aus den USA (10,75 Mrd. Euro) und der VR China (8,8 Mrd. Euro) blieben dagegen fast gleich.

Auch der Containerumschlag mit China wuchs 2025, so die HPA: insgesamt um 6,2 Prozent auf 2,3 Millionen TEU, weit vor den USA (2025: 510000 TEU). Das Umschlagsvolumen mit Indien stieg um 49,2 Prozent auf 290 000 TEU, mit Sri Lanka um 22,4 Prozent (172 000 TEU).

Doch Lagen ändern sich schnell: So legten die Hamburg-Exporte in die USA im ersten Halbjahr 2026 bereits wieder um 57 Prozent zu (China: minus 40 Prozent). Für Produkte der Hamburger Wirtschaft bleibt Europa aber weiterhin der größte Absatzmarkt: Mit 19,1 Mrd. Euro im ersten Halbjahr 2026 lagen die Ausfuhren dorthin deutlich vor Asien (5,2 Mrd. Euro) und Amerika (2,9 Mrd. Euro).

Perspektiven

Wie geht es weiter? Gefordert sind jedenfalls Verlässlichkeit, Resilienz und eine weitere Diversifizierung der Märkte. Das hat auch die EU erkannt, deren 2021 verabschiedete neue Handelspolitik unter anderem eine „Stärkung des Multilateralismus“ anstrebt. Bernd Lange, Vorsitzender des Handelsausschusses im Europäischen Parlament, sieht heute „eine geopolitische und geoökonomische Situation, wo zwei ganz große Handelspartner sich auf unterschiedliche Art nicht mehr an das regelbasierte Handelssystem halten“.

Schon im Februar kam Lange im Gespräch mit dem TV-Sender phoenix zu dem Schluss, China sei derzeit „ein verlässlicherer Handelspartner als die USA“, ohne Probleme wie die „sehr aggressive“ chinesische Industriepolitik zu verschweigen. Zur Diversifizierung tragen die zahlreichen Handelsabkommen bei, die die EU in den vergangenen Jahren geschlossen hat, etwa mit Vietnam (in Kraft: August 2020), Kenia (Juli 2024), Chile (Februar 2025) oder den Mercosur-Staaten.

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European Parliament
Bernd Lange, Vorsitzender des Handelsausschusses im EU-Parlament

Das geplante Abkommen mit Indien dürfte nach Einschätzung Langes im Frühjahr 2027 in Kraft treten; Potenzial sieht er insbesondere mit Indien, Vietnam, Mercosur und Australien.

Für Hamburg ist dabei vor allem der weitere Ausbau der Beziehungen zu Indien interessant. Das Land gehört bereits zu den zehn wichtigsten Handelspartnern der Stadt (bilaterales Handelsvolumen 2025: 3,6 Mrd. Euro), im ersten Halbjahr 2026 legte der Containerumschlag mit Indien um weitere 7,2 Prozent zu.

Logistiker Schryver sieht die Chancen hingegen anderswo: „Wir sehen Afrika und Lateinamerika als die Regionen, die immer mehr in den Blick geraten, weil sie sich in den globalen Handelsdiskussionen eher neutral verhalten und gleichzeitig viel aufzuholen haben.“ Zudem böten sie große Rohstoffvorkommen.

Doch unabhängig davon, wie die Entwicklung verläuft – eines ist über die Jahrhunderte gleich geblieben: Hamburg ist international ausgerichtet und geprägt, profitiert von Einwanderung und weltweiter Präsenz – und treibt Handel mit der ganzen Welt. Möge es so bleiben.


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