Zwischen Innovation und Bürokratie

Der Gesundheitsstandort punktet durch gebündelte Kompetenzen. Herausfordernd bleibt die Balance von medizinischer Versorgung und Wirtschaftlichkeit.
Die Asklepios Klinik Altona mit etwa 629 Betten verfügt über mehr als 20 medizinische Fachabteilungen und beschäftigt 1700 Mitarbeitende. Jedes Jahr werden dort über 90 000 Personen behandelt – stationär und ambulant.
Asklepios
Die Asklepios Klinik Altona mit etwa 629 Betten verfügt über mehr als 20 medizinische Fachabteilungen und beschäftigt 1700 Mitarbeitende. Jedes Jahr werden dort über 90 000 Personen behandelt – stationär und ambulant.
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Von Birgit Reuther, 2. April 2026 (HW 2/2026)

Dynamisches Wachstum und wegweisende Innovationen einerseits, bürokratische und personelle Herausforderungen andererseits: In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Gesundheitswirtschaft in Hamburg. Mit einer Bruttowertschöpfung von 15,06 Milliarden Euro trug die Branche laut Statistischem Bundesamt allein im Jahr 2024 zu 10,3 Prozent der Wirtschaftsleistung in Hamburg bei. Laut dem WifOR Institute wuchs die Gesundheitswirtschaft von 2014 bis 2023 im Schnitt um 5,2 Prozent jährlich. Die Hamburger Gesamtwirtschaft legte im selben Zeitraum um durchschnittlich 4,4 Prozent pro Jahr zu.

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AstraZeneca
Die Deutschlandzentrale von AstraZeneca befindet sich im Hamburger Stadtteil Altona auf dem Gelände einer ehemaligen Marzipanfabrik.

Der mit Abstand größte Treiber dieser Entwicklung ist der Sektor der medizinischen Versorgung rund um Krankenhäuser, Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen. Sie tragen zu rund 50 Prozent der Bruttowertschöpfung in der Branche bei – mit Asklepios und dem Universitätsklinikum Eppendorf als größte Arbeitgeber. Laut der im Februar veröffentlichten Arbeitsplatzumfrage des „Hamburger Abendblattes“ für 2026 planen sowohl Asklepios mit aktuell 18 130 Mitarbeitenden als auch das UKE mit derzeit gut 16 000 Beschäftigten, ihr Personal im Laufe des Jahres weiter aufzustocken.

Rund 193 600 Menschen arbeiteten 2023 insgesamt in der Hamburger Gesundheitsbranche, so das WifOR Institute. Ein Jobmotor, der auch aufgrund des zweitgrößten Sektors der Branche beständig gut läuft – dem industriellen Zweig, der rund 30 Prozent Anteil an ihrer Bruttowertschöpfung hat. Allein 3000 Beschäftigte hat etwa der Medizintechnik-Spezialist Olympus Europa in der Metropolregion Hamburg. Und die deutsche Tochtergesellschaft eines weltweit führenden Pharmaunternehmens wie AstraZeneca koordiniert mehr als 1200 Mitarbeitende in ganz Deutschland von dem urbanen Quartier „Marzipanfabrik“ in Bahrenfeld aus.

Ökosystem Hamburg besitzt eine vielfältige Forschungslandschaft, vom DESY in der Science City Bahrenfeld über die Universität Hamburg bis hin zum Leibniz-Institut für Virologie und dem Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Sie gehören zu den mehr als 300 Akteuren aus Hamburg und Schleswig-Holstein, deren Kompetenzen im Cluster Life Science Nord gebündelt werden. Ziel ist es, Innovationen in Norddeutschland im Verbund von Wissenschaft und Wirtschaft voranzutreiben. Das Netzwerk will besonders Start-ups aus Biotech, Pharma, Medizintechnik und Digital Health dabei unterstützen, ihre Ideen umzusetzen. Auch Themen wie Kapitalbeschaffung und internationale Expansion stehen im Fokus.

Ein positiver Trend zeichnet sich bei der größten deutschen gesetzlichen Krankenkasse ab: Die in Barmbek ansässige Techniker sucht bei momentan 4400 Beschäftigten in der Metropolregion Hamburg weiterhin nach spezialisierten Fachkräften. Krankenkassen, Einzelhandel und weitere gesundheitsspezifische Dienstleistungen machen mit rund 20 Prozent Bruttowertschöpfung den drittgrößten Sektor in Hamburgs Gesundheitsökonomie aus. Wobei sich die Hansestadt zum Hub für Krankenkassen und -versicherungen entwickelt hat: Unter anderem die DAK und die HanseMerkur haben ihre Unternehmenszentralen ebenfalls an der Elbe.

Akuter Fachkräftemangel

In ihrem Strategiepapier „Gesundheitsstandort Hamburg 2040“ analysiert die Handelskammer die Stärken und Schwächen, Chancen und Risiken der Branche. Für Strahlkraft sorgt die große Bündelung von Kompetenzen. Mit einem dichten Netzwerk von 35 im Hamburger Krankenhausplan verzeichneten Krankenhäusern steht die Hansestadt für eine hochwertige medizinische Versorgung von der Prävention bis zur Nachsorge.

Im zweiten Halbjahr 2025 boten diese Kliniken fast 5000 Ausbildungsplätze – vom Albertinen Krankenhaus in Schnelsen bis zur Schön Klinik in Eilbek. Insgesamt bleibt der Fachkräftemangel jedoch ein fortwährendes Problem. Das WifOR Institute prognostiziert eine „zunehmende strukturelle Anspannung“: Bis 2030 werde der ungedeckte Arbeitskräftebedarf in der Hamburger Gesundheitswirtschaft voraussichtlich um 8,5 Prozent auf rund 20 500 Vollzeitstellen ansteigen.

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UKE
Das 1889 gegründete Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) ist eines der modernsten Krankenhäuser Europas und zählt mit rund 16 100 Mitarbeitenden zu den größten Arbeitgebern der Stadt.

Im Jahr 2040 sollen sogar 12,5 Prozent mehr  Vollzeitstellen benötigt werden (35 500). Die Analyse zeigt zudem, dass der größte Engpass innerhalb der medizinischen Versorgung bei der Besetzung von Laborberufen entstehen dürfte. Auf Labordienstleistungen sind zahlreiche Unternehmen in Hamburg spezialisiert – etwa die MEDiLYS Laborgesellschaft, Dr. Brill + Partner, das medizinische „Labor Stephansplatz“ oder Amedes.

Um den Fachkräftemangel zu minimieren, setzt die Stadt auch auf gezielte Zuwanderung. Das Hamburger Institut für Berufliche Bildung und die Diakonie Alten Eichen haben gemeinsam mit dem Health-Recruiting-Unternehmen Alfa Personnel Care GmbH und der Handelskammer ein Pilotprojekt gestartet: Im Herbst 2025 begannen 25 junge Menschen aus Kirgistan und Indien eine Pflegeausbildung in Hamburg.

Herausforderungen

Studien Im Jahr 2025 veröffentlichte das WifOR Institute zwei im Auftrag der Sozialbehörde erstellte Studien zur ökonomischen Bedeutung der Gesundheitswirtschaft in Hamburg. Sie finden sie hier.

Für Patientinnen und Patienten stehen in den Kliniken der Hansestadt mehr als 12 000 Planbetten bereit. Hinzu kommen noch einmal gut 1600 Behandlungsplätze im teilstationären Bereich sowie mehr als 500 Betten in rund 30 konzessionierten Hamburger Privatkliniken. Aufgrund gestiegener Personal-, Miet- und Sachkosten kämpfen viele Häuser jedoch damit, eine Balance zwischen medizinischer Versorgung, fairer Vergütung und Wirtschaftlichkeit herzustellen. Das UKE etwa rechnet für 2025 mit einem Verlust von 70 Millionen Euro.

Große Potenziale stecken hier in der Digitalisierung. So kann etwa die elektronische Patientenakte Prozesse vereinfachen, beschleunigen und somit Kosten sparen. Noch hat das System allerdings mit Anlaufschwierigkeiten zu kämpfen. In Diagnostik und Abrechnungswesen spielen zudem KI-Lösungen eine wachsende Rolle.

Das 1993 in Hamburg gegründete Biotech-Unternehmen Evotec zum Beispiel setzt KI in der pharmazeutischen Wirkstoffforschung ein. Auch die Hamburger Start-up-Szene treibt KI-Innovationen voran. So entwickelt die Hamburger Firma Mindpeak von Künstlicher Intelligenz getriebene Algorithmen, die die Gewebeanalyse in der Krebsdiagnostik unterstützen.

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OLYMPUS EUROPA SE & CO. KG
Olympus-Zystoskope sind für die präzise Untersuchung von Harnblase und Harnröhre ausgelegt. Hier bei einer OP zu sehen: das Modell OES ELITE.

Eine der Hauptaufgaben der kommenden Jahre ist es, sichere Anwendungen mit stabiler Software zu gewährleisten – und gleichzeitig Überregulierungen abzubauen. Hamburgs Gesundheitswirtschaft boomt, steht aber immer wieder vor bürokratischen Herausforderungen. So verzögern im Kern sinnvolle Sicherheitsregularien wie die europäische Medizinprodukteverordnung MDR Innovationen – oder bewirken, dass Unternehmen nützliche Medikamente vom (EU-)Markt nehmen.

Umso wichtiger ist ein Austausch zu Problemen und Zukunftsthemen der Branche – von der Krankenhausreform bis zur Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen. Hamburg hat sich als Ort dafür etabliert. Am 9. und 10. September treffen sich Fachleute zum Gesundheitswirtschaftskongress im Grand Elysée Hotel.

Starke Impulse setzt auch der Gesundheitstag, derjedes Jahr in der Handelskammer stattfindet. In diesem Rahmen verleiht die Hamburgische Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung am 27. April den Hamburger Gesundheitspreis für Betriebe, Wirtschaft und Verwaltung. In den Fokus rückt damit auch das betriebliche Gesundheitsmanagement: Angebote für physische und mentale Gesundheit sind zunehmend entscheidend für Arbeitgeber-Attraktivität und Employer Branding – und Prävention ist ein zentrales Handlungsfeld. Gesundheit ist auf vielen verschiedenen Ebenen ein essenzieller Wirtschaftsfaktor. Innerhalb von Unternehmen. Und für die Stadt.


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